Krösus ist Engländer

Deutsche Bundesliga und Premier League. Zweifelsohne zwei der derzeit besten Fußballligen der Welt. Welche der beiden aus rein sportlicher Perspektive die Nase vorne hat, lässt sich objektiv kaum bemessen. Zumindest scheitert jedweder Versuch des ligaweiten Vergleichs an den subjektiven Präferenzen der geneigten Fußballfans. Völlig objektiv lässt sich aber ein anderer, zwar nicht primär sportlicher, aber sehr wohl in die sportliche Konkurrenzfähigkeit hineinspielender Umstand bemessen. Englands Vereine hängen ihre deutschen Pendants in Sachen Finanzen um so einiges ab.


von Christian Weiner


„England überholt uns gerade links wie rechts, sowohl bei den TV-Geldern als auch im Marketing und bei den Transferaktivitäten. Wir müssen aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren und dass die Bundesliga von England nicht leer gekauft wird.“ – Karl Heinz Rummenigge


"Sie werden nicht die ganze Welt kaufen können, so viele Spieler brauchen sie nun auch wieder nicht. Aber sie werden sich das Beste heraussuchen können." – Franz Beckenbauer


So sprachen‘s die beiden Granden gegenüber dem Kicker und gingen dabei auf einen Umstand ein, der dieser Tage wieder mehr Brisanz gewinnt. Bastian Schweinsteiger wechselt zu Manchester United. Roberto Firmino wechselt zum FC Liverpool. Und der Kaiser persönlich meint, dass auch Thomas Müller – Urbayer in Person – dem englischen Mammon erliegen könnte. Aber auf was fußt nun das Fußball-finanzielle Supremat der Premier-League-Vereine?

SKY - Die Königsmacher

Bis zum Start der neuen Premier League-Saison dauert es noch bis zum 08. August dieses Jahres. Die Fans der deutschen Bundesliga müssen noch 8 Tage länger auf den Wiederbeginn der Liga warten. Die Entscheidungen hinsichtlich der jeweiligen Meister fallen ultimativ Mitte Mai. Oder früher. Eine andere Entscheidung ist bereits gefallen. Die englische Premier League hat Anfang Februar 2015 einen überaus generös dotierten Dreijahresvertrag mit SKY und BT Sport über die nationalen Übertragungsrechte der Ligaspiele abgeschlossen. Seit dem ist klar, dass Englands Fußballvereine – von Meister Chelsea bis zum Ligaletzten Queens Park Rangers – zumindest die nächsten Spielzeiten in Geld schwimmen werden und den internationalen Transfermarkt potentiell mit der monetären Keulen niederstrecken können. Erste Früchte trägt die Geldschwemme bereits. In der Sommertransferperiode 2015/2016 verzeichneten mit Stand 15.07.2015 die englischen Vereine folgende Umsätze:

Premier-League Transfers per 15.07.2015
Premier-League Transfers per 15.07.2015

Und das Transferfenster ist noch weit davon entfernt geschlossen zu werden. Es ist demnach zu erwarten, dass noch einiges an Transfers getätigt werden wird und es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass die letztjährige Rekordinvestitionssumme für Spielerzugänge von mehr als 1. Milliarde Euro überschritten wird.

Ade der fußballfinanziellen Mittelschicht

Wieviel Geld nehmen aber nun die Premier-League-Vereine mit dem neuen Superdeal ein? Und vor allem wie kam es zu dem TV-Deal, mit dem letztlich ein sprunghafter Anstieg der TV-Gelder um 50% realisiert werden konnte? Schuld an letzterem war ein Bieterwettstreit zwischen SKY und BT Sport. SKY legte final das bessere Angebot auf den Tisch, sicherte sich 5 der 7 zu vergebenden TV-Pakete und die Premier League bekommt für die Spielzeiten 2016 bis 2019 TV-Einnahmen in der Höhe von 6,9 Milliarden Euro. Wohlgemerkt nur für die nationalen Spielübertragungen. Weitere 2,6 Milliarden Euro fließen noch aus internationalen Spielübertragungsrechten in die Kriegskassen der Clubs. Summa summarum ergibt dies 9,5 Milliarden Euro Spielgeld für drei Spielzeiten. Über 3 Milliarden pro Saison. Alleine damit firmieren neuerdings alle 20 Premier-League-Clubs unter den 40 reichsten Fußballvereinen Europas. Chelsea, Abramowitsch sei Dank, sowieso. Aber auch Aston Villa. Oder auch der FC Bunley.

 

Und genau hier entsteht durch das ligaübergreifende Ungleichgewicht der Finanzstärke ein Potentialgefälle, das sich gewaschen hat. Die Queens Park Rangers nehmen nächste Saison qua TV-Gelder 86,8 Mio. Euro ein. Der deutsche Liga-Primus Bayern München kommt hingegen nur auf fast schon bescheidene 71,9 Mio. Euro.

 

Interessant dabei: Die Verteilungsschlüssel mit Hilfe derer der Geldtopf auf die einzelnen Vereine aufgeteilt wird, sind in England und die Deutschland relativ ähnlich. Es wird auf Ausgewogenheit geachtet. Gerade dieser Fakt schafft eine bessere Vergleichsbasis als sie zum Beispiel zwischen der Premier League und der Primera Division gegeben ist. In der spanischen Eliteliga verhandeln die einzelnen Vereine separat ihr Zubrot aus TV-Einnahmen. So entsteht dann ein veritables Gefälle innerhalb der Liga des aktuellen Champions-League-Siegers. Der FC Barcelona erhält eine 11 Mal so hohe Zuwendung aus TV-Geldern, wie zum Beispiel Vereine aus dem unteren Tabellendrittel.

In Deutschland, sowie auch in England geht diese Schere bei weitem nicht so auf. Hier gibt es noch einen Mittelstand. Und in England eigentlich keine Unterschicht. Ein paar Zahlen:

TV Gelder: Primus vs. Armenhaus
TV Gelder: Primus vs. Armenhaus

Aber für die Saison 2016/2017 hat die Primera Division hier eine Änderung beschlossen. Auch bei ihnen soll eine zentrale TV-Vermarktung entstehen. Es ist zu erwarten, dass ab diesem Zeitpunkt die Schere zwischen den einzelnen Vereinen hinsichtlich der Geldausschüttung nicht mehr in diesem Maße aufgehen wird. Bis zu diesem für die kleineren Clubs sicherlich als Jubeltag anzusehenden Tag, bleibt aber einerseits zu konstatieren, dass die Primera Divison mit anderen Ligen hinsichtlich ihrer TV-Deals schwer zu vergleichen ist und anderseits, dass Barca und Real wahrscheinlich auch nach der Einführung einer zentralen Vermarktung der TV-Einnahmen die vorderen Plätze in finanzieller – und wohl auch sportlicher Hinsicht in ihrer Liga einnehmen werden. Aber zurück nach Deutschland. Und zu Franz Beckenbauer.

„Wenn man die Leute mit Geld zupflastert, dann ist die Versuchung groß." - Link

Wieviel ist viel? Und für wen? Wichtig sind wie immer die Relationen. Und die Möglichkeiten. Und da ist dem Weltmeister von 1974 zuzustimmen. Die Möglichkeiten große Versuchungen in deutschen Bundesligaspielern zu wecken, haben englische Vereine. Wiederum das subjektive Momentum „sportliche Attraktivität“ außen vorgelassen, ist die Premier League finanziell reizvoller als die deutsche Bundesliga. Punkt.

Quelle Zahlen Deutschland: Link

Quelle Zahlen England: Link 

Stehen wir also vor einer kleinen Zeitenwende? Bis dato war es kaum denkbar, dass sich die deutsche Nationalmannschaft mehrheitlich aus Legionären speisen könnte. Warum auch? Die Liga des Weltmeisters war immer schon sportlich attraktiv, große Vereine wie die Bayern und auch Dortmund reüssieren international auf höchstem Niveau und eine virulente Gehaltsthematik, die Spieler mit weiterhin intakter sportlicher Ambition in die Ferne gelockt hätte, gab es nicht. Damit scheint es jetzt aber vorbei zu sein. Und dann denke man nur an die Aussagen von Beckenbauer und Rummenigge.

It’s all about Marketing

Englische, italienische und auch spanische Mannschaften erledigen bereits seit ca. 10 Jahren ein ausgedehntes Sommerprogramm, bei dem die jeweiligen Clubs so einiges an Bonusmeilen sammeln. Asien, USA und Südamerika wurden als Märkte erschlossen und sorgten dafür, dass gerade auch Premier-League-Clubs einen hohen Stellenwert auf zum Beispiel dem US-amerikanischen Markt genießen und auch viele Fans vor Ort haben. Etwas polemisch hört sich das dann so an:


„Bayern ist groß, Manchester United größer".

 

Eine Aussage, die Bastian Schweinsteiger vor einigen Tagen getätigt hat und ihm auch einiges an Gegenwind beschert hat. Kein Wunder bei seiner persönlichen Historie ob der beiden Clubs. Schweinsteiger relativiert später und ergänzte, dass Manchester in den USA mehr Fans als die Bayern hat. Ob das stimmt lässt sich schwer nachweisen. Aber es erscheint als durchwegs logisch. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass in den USA sowie in England englisch gesprochen wird, sondern vielmehr aufgrund dessen, dass die Bayern den US-Markt erst seit 3 Jahren beackern. Manchester tut dies bereits länger.

 

Hier haben die deutschen Vereine also Aufholbedarf. Aber damit alleine wäre es noch nicht getan. Immerhin würde man durch das Schließen dieser Vermarktungslücke aus deutscher Sicht noch immer nicht den größten Unterschiedstreiber ausgemerzt haben. Die TV-Gelder für nationale Übertragungsrechte.

Was tun?

Und genau hier möchten die Verantwortlichen der Bundesliga auch ansetzen. Konkret geht es um die Änderung der Bundesliga-Vermarktung ab der Saison 2017/18. So sollen zwei neue Anstoßzeiten (Montagabend und Sonntagmittag) eingeführt werden. Und auch für die Neuvergabe der TV-Rechte, die im April 2016 ansteht, erhofft sich die Bundesliga, dass mehrere Bieter sich – im besten Fall so wie in England – gegenseitig in luftige Höhen mit Angeboten überbieten. Ob dies der Fall sein wird, steht freilich in den Sternen. Die Hoffnung darf aber aus Sicht der deutschen Bundesligaclubs gehegt werden.

 

Gleichzeitig regt sich Bundesweit in Deutschland auch ein gehöriges Maß an Widerstand gegen die neuen Spielzeiten. Die Stammtische des Landes opportunieren, begehren auf. Dies steht doch im krassen Gegensatz zur Tradition. 15:30, Samstag. Das soll es sein. Wider dem Zeitgeist. Quasi. Doch die zwei neuen Spielzeiten scheinen im Moment mehr oder minder beschlossene Sache zu sein. Wichtig hierbei: Sie gelten wohl nur für ganze 10 Saisonspiele. 5 Montagsspiele, und 5 Sonntagmittagsspiele. Keine große Revolution. Aber ein Anfang. 

 

Gespannt darf man aber trotzdem sein, ob in dieser Transferperiode noch der ein, oder andere Königstransfer seitens englischer Clubs getätigt wird. Und so tönt es dieser Tage zum Beispiel von den Dächern, dass Manchester United Gareth Bale für ihr gesamtes TV-Geld - immerhin 135 Mio EUR - von Real Madrid loseisen möchte. Ob's gelingt bleibt abzuwarten. 

 

Genauso bleibt abzuwarten ob noch astronomische Angebote für den Müller Thomas (z.B. in der Höhe von 100 Mio. EUR), Marco Reus, oder auch Mats Hummels abgegeben werden. Und natürlich ebenso ob diese, falls sie einlangen, auch angenommen werden. Denn - sehr frei nach Marco Reus: "Geld ist nicht alles."