Eine Laufbahn im Sumpf

von Jonas Achorner

Der Weltleichtathletikverband IAAF läuft im Kreis. Zwischen Doping, Misswirtschaft und fragwürdigen Entscheidungen. Dabei verliert er nicht nur seinen Ruf, sondern erhält vielmehr einen neuen denkwürdigen.

Vitaliy Stepanov ist schmächtig. Bei seinen schmalen, fast kindlichen Gesichtszügen wirkt sein Bart unecht. Ich wollte das Doping bekämpfen. Ich wollte den Sport gesünder, ehrlicher, besser machen. Die entschlossenen Worte von Stepanov sind die Grundlage der ARD-Dokumentation Geheimsache Doping Wie Russland seine Sieger macht, die im Dezember 2014 veröffentlicht wurde. Die Dokumentation ist ein erschreckender Bericht über die geheimen Doping-Praktiken im russischen Sport. Stepanov und seine Frau Yuliya, eine des Dopings überführte Mittelstreckenläuferin, sind die Kronzeugen in dem Fall, der offenbart, wie russische Trainer, Sportfunktionäre und Mediziner systematisch Athleten mit leistungssteigernden Substanzen versorgen. Unter den Sportlern sind Europa- und WeltmeisterInnen, wie auch die aktuelle 800-Meter Olympiasiegerin Maria Sawinowa. Das System ist ein Geflecht, welches sich nicht nur bis in die Weltantidopingagentur, sondern auch zur IAAF ausbreitet.


Das russische Dopingsystem ein Fisch stinkt vom Kopf


Das zeigt der Fall der russischen Marathonläuferin Liliya Schobuchova, eine Athletin, die unter anderem dreimal den Chicago-Marathon gewann und als eine der besten Langstreckenläuferinnen der Welt galt. Sie dopte und zahlte. 450.000 Euro. Im Dezember 2011 teilte der russische Verband mit, dass ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in London 2012 aufgrund ihrer Blutwerte gefährdet sei. Bezahlte sie jedoch den Betrag, könnte sie trotzdem bei dem Olympiamarathon mitlaufen. Sie tat es und wurde geschützt. Laut der Dopingkontrollstatistik, welche der ARD vorliegt, wurde sie im Olympiajahr 2012, während des Trainings, kein einziges Mal überprüft.


Die ARD-Dokumentation vermutet, dass einige Dopingkontrolleure der IAAF, welche die Blutwerte kannten, unruhig geblieben sind. Noch im Juni 2012 hatte der leitende Anti-Dopingfunktionär der IAAF, Dr. Gabriel Dollé, dem russischen Verband über Unstimmigkeiten berichtet. Der Verband reagierte nicht. Erst Anfang 2014 wollte die IAAF schlussendlich Schobuchova sperren. In Moskau sollte sie während eines persönlichen Treffens ein Dokument der IAAF über ihre Sperre unterzeichnen. Sie weigerte sich und forderte ihr Geld zurück. 300.000 Euro erhielt sie wieder.

Anwesend während der Besprechung war Walentin Balachnitschew, der Präsident des russischen Leichtathletikverbandes und Schatzmeister der IAAF. Er war es auch, der schließlich Schobuchova eine Bestätigung der Überweisung der 300.000 Euro übermittelte. Getätigt wurde diese von einer in Singapur ansässigen Firma namens Black Tidings, die kurz nach der Zahlung liquidiert wurde. Das Briefkastenunternehmen wurde von einem chinesischen Geschäftsmann geleitet, der nachweislich enge Kontakte zu einem gewissen Papa Massata Diack hat. Dieser ist nicht nur zuständig für die Vermarktung der IAAF in wachsenden Märkten, wie Russland, China oder Katar, sondern auch Sohn des IAAF-Präsidenten Lamine Diack.


Die französische Tageszeitung LEquipe veröffentlichte in einem Artikel Informationen über ein Treffen zwischen Balachnitschew, Diack und dem IAAF-Anwalt Habib Cissé. Alle drei sind mittlerweile von ihren Positionen zurückgetreten, solange die Ethikkommission der IAAF in dem Fall ermittelt.


Eine umstrittene Rolle nimmt der ehemalige führende Anti-Dopingexperte Dollé ein. Der IAAF-Sprecher Nick Davies bestätigte der Süddeutschen Zeitung, dass Dolle seine Position in der IAAF bereits im September 2014, bevor der Skandal um das russische Dopingsystem bekannt wurde, aufgab. Mit ihm verließ auch der von der IAAF mit Dopingbekämpfung beauftragte Jurist Hugh Roberts den Weltverband. Während die IAAF auf das hohe Alter von Dollé verwies, ist es dennoch unklar, warum der Mediziner die IAAF verlassen hat. Anstoß der Diskussion ist eine Liste mit 150 Athleten, die zwischen 2006 und 2007 auffällige Blutwerte hatten. Diese Liste wurde von der ARD veröffentlicht und wird gleichzeitig von der IAAF heftig dementiert. Während die Aussage der Rundfunkanstalt gegen jene des Weltverbandes steht, ist umstritten, wie die Daten an die Öffentlichkeit gerieten. Die Zeitung äußerte den Verdacht, dass Dollé vielleicht die Unterlagen zur Publikation weitergab oder sie aus seinem Büro gestohlen wurden. Der Franzose schweigt zu den Gerüchten.


Eine Vergabe mit dubiosem Wettkampf


Eindeutig ist, dass die Leichtathletikweltmeisterschaft 2019 in Doha stattfindet. 2014 hat der Weltverband beschlossen, die WM statt in Barcelona oder Eugene in Katar zu veranstalten. Stiller Profiteur war Papa Massata Diack. Der Senegalese ist als Vermarkter der IAAF für wachsende Märkte zuständig und erhält Provisionen für etwaige Sponsorenverträge, die im Zuge einer Vergabe getätigt werden.


In den Jahren seines von 2007 bis 2015 geltenden Vertrages mit der IAAF sind die Weltmeisterschaften fast ausschließlich an Länder mit einem wachsenden Leichtathletikmarkt vergeben worden. Die WM 2011 wurde in Daegu in Südkorea ausgetragen. Sponsor des Großereignisses mit 22,5 Millionen US-Dollar war Samsung. 2013 hat die Weltmeisterschaft in Moskau stattgefunden, das Sponsoring übernahm dabei die VTB, das zweitgrößte russische Kreditinstitut. 50 Millionen Dollar zahlten die russische Bank nach dem Bericht der FAZ damals. In diesem Jahr findet die Leichtathletikweltmeisterschaft in Peking statt. Für all diese Länder war Papa Massata Diack zuständig, für all diese Vergaben erhielt er eine Provision.


Im Dezember des letzten Jahres wurden E-Mails veröffentlicht, in denen Diack von katarischen Funktionären eine Zahlung von 5 Millionen Dollar forderte. Während das Ansuchen 2017 scheiterte, gelang es dem katarischen Organisationsteam die Zusage der IAAF für die WM 2019 zu erhalten. Der Weltleichtathletikverband dementiert eine Zahlung aus Katar an Papa Massata Diack. Zwischen dem Weltverband und katarischen Institutionen hätte es auch keinen Vertrag gegeben. Diack schweigt zu den Vorwürfen. Die Ethikkommission der IAAF befasst sich ebenfalls mit diesem Fall.


Welchen Hintergrund die Zahlung hatte, oder ob sie letztlich durchgeführt wurde, bleibt reine Spekulationen. Es wird vermutete, dass Diack das Votum seines Vaters zum Kauf anbot. Die E-Mails sind zwischen 2008 bis 2011 von Diack gesendet worden. In diesem Zeitraum bot Katar auch um die Austragung der Olympischen Spiele 2020. Vater Lamine Diack ist Mitglied des IOC-Olympiagremiums.


Neben seinen Marketingtätigkeiten besaß Papa Massata Diack seit 2010 einen Lizenzvertrag mit der japanischen Werbeagentur dentsu, welche die IAAF weltweit bewirbt. Vor kurzem erneuerte dentsu seinen Vertrag mit dem Weltverband bis 2029. Der Vertrag ist bis 2019 jährlich 11 Millionen und danach 14 Millionen Dollar wert.


Umstritten ist vor allem der Ablauf der WM-Vergabe im Oktober 2014. Knapp vor der endgültigen Entscheidung beeinflussten die Katarer mit einem erlaubten "Incentive", einem zusätzlichen finanziellen Anreiz, die Wahl der Delegierten. Das katarische Organisationsteam versprach ein Sponsoringpaket, welches über fünf Jahre 30 Millionen Dollar in die Leichtathletik investiert. Zusätzlich sollen 7 Millionen Dollar für den Leichtathletiksport in Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt werden. 15 der 27 Mitglieder des Gremiums der IAAF entschieden sich schließlich für Katar.


Eine Vergabe ohne Wettkampf


Bei der Abstimmung um die Weltmeisterschaft 2019 unterlegen ist Eugene. Zwei Jahre später soll die Stadt den Event jedoch erstmalig in den USA austragen. DieseEntscheidung der IAAF ist besonders für die schwedische Stadt Göteborg überraschend. Anlässlich ihres 400 jährigen Bestehens wollte sie die Leichtathletikweltmeisterschaft austragen. Jedoch konnte sich die schwedische Stadt nicht für die Austragung bewerben. Nach Osaka 2007 wurde auch Eugene, nach einer Abstimmung im Gremium der IAAF als Veranstalter für 2021 auserwählt. Ohne ein Bewerbungsverfahren. Nur drei Tage vor der Vergabe hatte Präsident Lamine Diack die Abstimmung unter dem Kürzel WCH2021 auf die Tagesordnung der entscheidenden Sitzung in Peking gesetzt.


Wieder dürfte der finanzielle Hintergrund entscheidend für die Wahl gewesen sein. Eugene gilt als die US-amerikanische Hauptstadt des Leichtathletiksports und ist Mitveranstalter der Diamond League-Serie der IAAF. Interessant ist auch, dass Nike, einer der weltgrößte Sportartikelhersteller, in Beaverton, knapp zwei Stunden entfernt von Eugene, seinen Firmensitz hat. Der eigentliche Hauptsponsor der IAAF ist Adidas.


Die IAAF möchte Präsenz auf dem größten Sportmarkt der Welt zeigen und dabei für den Sport, der in den USA eine geringe Aufmerksamkeit besitzt, werben. Eugene konnte bei seiner Bewerbung nicht nur auf Förderungen des Staates Oregon verweisen, sondern auch auf einen Vertrag mit dem US-amerikanischen Fernsehsender NBC. Dieser sicherte zu, die Leichtathletik-WM auf seinem Internet Onlineportal Universal Sport auszustrahlen. Der Wunsch des Veranstalters, die WM im Hauptsender zu übertragen, wurde von NBC (noch) nicht berücksichtigt.


Interessant ist auch die Rolle der EBU, die europäische Vereinigung der öffentlich-rechtlichen Sender. Sie hat in den letzten Jahren stets weniger für die Fernsehrechte an den Weltmeisterschaften bezahlt. Während sie in den Neunzigern noch 120 Millionen Euro aufwenden mussten, kosten den öffentlich-rechtlichen Sendern die Fernsehrechte inzwischen nur mehr 80 Millionen Euro. Durch die Verschiebung der Leichtathletik-WM in Katar in den Oktober, wo Fußball und Formel 1 ebenfalls stattfinden, so wie die neunstündige Zeitverschiebung zwischen Europa und Eugene werden die Preise weiter sinken. Durch die finanzielle Unterstützung von Nike sollen die Verluste jedoch ausgeglichen werden.


Mit der erstmaligen Vergabe in die USA setzte Lamine Diack seiner 16-jährigen Funktionärskarriere einen denkwürdigen Schlusspunkt. Wenngleich auch in seiner eigenen Art und Weise. Nach seinen eigenen Gesetzen. Seinen Nachfolger hinterlässt der Senegalese einen Verband mit enormen Problemen. Nicht in finanzieller, aber moralischer Hinsicht.


Eine tragende Rolle, um die IAAF wieder glaubhafter zu positionieren, nimmt die Ethikkommission ein. Nur wenn sie unabhängig, umfassend und offen arbeiten kann, wird die Leichtathletik, im Kreislauf der Korruption eine Zielgerade sehen.