Am Rad der Zeit

von Jonas Achorner

Er ist ein Mahnmal, eine Warnung. Der Radsport ließ sich vergiften, von der Gier und dem Doping. Seit Jahren kämpft er deshalb um seine Integrität. Nun zeigt sich der Verband reuig und erkennt im Fall Lance Armstrong seine Mitschuld an. Ist dies der Beginn einer Renaissance oder ein verzweifelter Schrei nach Glaubhaftigkeit? Denn wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, vor allem wenn er sich selbst belügt. Über einen Sport und dessen Angst vor seinem Spiegelbild.

 

„Die Gedanken muss man sich machen, dass das System des Profiradsports, ein System des Dopings ist“, meinte Bernhard Kohl am 15. Oktober 2008 als er bei einer Pressekonferenz gestand, verbotene, leistungssteigernde Mittel eingenommen zu haben. Krokodilstränen, Selbstmitleid. Radsportfans waren enttäuscht, Österreich hatte ein vermeintliches Idol verloren. Zuvor bei der Tour de France gewann Kohl das Bergtrikot, symbolisch weiß mit roten Flecken. Völlig überraschend wurde er Gesamtdritter. Sein Geständnis verhinderte nicht nur, dass der Radsport in Österreich populärer wurde, es schadete dem Sport allgemein enorm und manifestierte ein Bild der Unglaubwürdigkeit. Heute besitzt er, nach eigenen Angaben, das größte Radgeschäft Österreichs und engagiert sich in der Doping-Prävention. Kohl zeigt sich stets schuldbewusst, seine Taten bezeichnet er als unentschuldbar.

 

Von einem aufgelösten Bernhard Kohl unterschied sich Lance Armstrong erheblich. Fünf Jahre später ließ sich der eitle Sportler massenmedial von der Moderatorin Oprah Winfrey inszenieren. Ein heroisches Geständnis statt einer aufrichtigen Beichte. Er gab zu, gedopt zu haben, verteidigte sich jedoch mit den dreisten Worten, wonach die Schuld im Sport, dem Gruppenzwang zum Doping, zu suchen sei. In einem impertinenten Tonfall beschrieb er seinen Medikamentenmix aus EPO, Testosteron und Bluttransfusionen. Als er betonte, dass dies eigentlich wenig im Vergleich zu anderen sei, erstaunte dies selbst die erfahrene Winfrey. Diese Zwangsläufigkeit zu Dopen, der scheinbare Lauf der Dinge, zerstörte das Bild des Radsports und eines Ausnahmesportlers. Doch Armstrong wollte nicht alleine untergehen. Er betonte, dass er zu gerne den Weltverband als Gauner enttarnen würde, auch weil er einige dubiose Praktiken mitverfolgt hatte. Eine unabhängige Untersuchungskommission bestätigte dies nun. Die UCI, Union Cycliste Internationale, wusste um die Anwendung von untersagten Substanzen durch Armstrong und verbarg diese vor der Öffentlichkeit.

 

Brian Cookson, jetziger Präsident des Radsportverbandes, muss zugeben, dass die UCI 1999 unter seinem Vorgänger Hein Verbruggen, Lance Armstrong den Gebrauch von Cortison nachgewiesen hat. Entgegen der eigenen Richtlinien wurden nachträglich Atteste akzeptiert, das Doping verschleiert. Auch nahm die Radsportunion Spendengeld von Armstrong in der Höhe von 125.000€ an. Ungewöhnlich von einem noch aktiven Sportler. Dass sie gleichzeitig auf Untersuchungen verzichtete, verhärtet den Verdacht der Korruption, der von der Kommission jedoch nicht bestätigt wurde.

 

Folgen des Dopings können und müssen tiefgreifende Veränderungen sein

 

Gleichzeitig betont Cookson den unbedingten Willen Doping in all seinen Formen nun transparent bekämpfen zu wollen, auch wenn dieses immer facettenreicher wird. Die Debatte zum Radsport entwickelt sich immer mehr hin zu einer Grundsatzdiskussion.

 

Kohl und Armstrong geben beide zu bedenken, dass sie unter den jetzigen Umständen, wo bei der Tour de France 2.300 Kilometer und 33.000 Höhenmeter absolviert werden müssen, wieder dopen würden. Die UCI muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie durch die Extension des Olympischen Prinzips „Höher, schneller, weiter“ ein „Dabei sein, ist alles“ des Dopings fördert. Dass sie Sportler zur Einnahme von leistungssteigernden Mittel zwingt, indem Warnungen von Ärzten und Athleten zur Streckenführung negiert werden.

 

Der Radverband reagierte nur zögerlich. Eine Verkürzung der Vuelta, des Giro d’Italias, aber auch der Tour de France wird geplant, die Verkleinerung der Teams, mit einer gleichzeitigen Erhöhung der Anzahl an Mannschaften angedacht. Schon 2013 wurde die Murica-Rundfahrt von einer Woche zu einem Tagesevent verkürzt. Eine Umsetzung für größere Rundfahrten wird deshalb immer wahrscheinlicher, muss der Radsport doch unterschiedliche Entwicklungen bekämpfen.

 

Einerseits gestaltet sich durch den Imageschaden, welcher vom Doping verursacht wurde, das Akquirieren von Sponsoren für Radteams schwieriger. Die Maßnahmen sollen die Finanzierung von Fahrradmannschaften erleichtert. Andererseits erlebt der Radsport eine Konzentration. Von den 14 Rennställen der Saison 2006 sind heute noch fünf übrig geblieben, zwei von ihnen sind noch in der Pro Tour aktiv. Zwar werden neue Teams gegründet, die finanzielle Diskrepanz vergrößert sich jedoch stetig. Mit mehreren, kleineren Teams hofft man nun dieser Tendenz entgegenzuwirken, indem die Aufmerksamkeit und somit Marketingeinnahmen besser verteilt werden. Denn für die Teamsponsoren ist der Radsport immer noch finanziell attraktiv.

 

Die 325 Sponsoren im globalen Radsport konnten 2012 laut dem Handelsblatt alleine durch die TV-Gelder bei der Tour de France 2,1 Milliarden Dollar generieren, 1,34 Milliarden entfielen auf Teamsponsoren. Nach dem Geständnis von Armstrong und des Wegfallens weiterer Sponsoren und TV-Sender, wie ARD und ZDF, wurden die erzielten Gelder geringer. Mit der Einleitung der Untersuchungskommission möchte die UCI verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

 

Neuanfang und die Gefahr der vergeblichen Liebesmühen

 

Während der Radsport um eine zweite, dritte, vielleicht letzte Chance bittet, muss er mit jene umgehen lernen, denen er eine weitere Chance gewährt hatte. Alberto Contador, sein Teammanager Bjarne Riis oder der Teamchef Alexander Winokurow sind alleine beim Team Astana drei Führungspersönlichkeiten, denen Doping nachgewiesen wurde, die, im Falle von Riis, im Verdacht stehen weitere Dopingsünden vertuschen zu wollen. Sich von ihnen zu trennen, wäre ein Neuanfang, ein Schnitt mit symbolischen Wirkung. Doch finanzielle Verbindlichkeiten, wie bei Astana zu dem kasachischen Staatschef Nursultan Nasarbajew und dessen Staatsfonds Samruk-Kazyna, werden dies verhindern. So bleibt ein fader Beigeschmack, der Eindruck eines Neubeginns mit gleichen Vorzeichen.

 

Auch zeigt die aktuelle Kommissionuntersuchung, dass Doping vermehrt den Amateurradsport zu infiltrieren droht. Im Kommissionsbericht wurde festgehalten, dass die Einnahme von leistungssteigernden Substanzen besonders bei unter-23-jährigen und über 40-jährigen zunimmt. Nicht nur, dass es leichter ist im Internet oder Fitnessstudio verbotene Substanzen zu kaufen, auch hätten die verschärften Kontrollen in der World Tour, die Problematik des Dopings in den weniger kontrollierten Amateursport verschoben. Angespornt von dem Wunsch nach einer professionellen Ausübung des Sports, einem lukrativen Vertrag, greifen junge Athleten zu leistungssteigernden Substanzen. Absurderweise wird dies von Teammanager gefördert. Bei einem geringen Risiko erwischt zu werden, versuchen, laut der Untersuchung, Teamverantwortliche talentierte Fahrer durch die Einnahme von Dopingmittel zu erkennen. Eine Unterbindung und schärfere Kontrolle der Amateurbereiche ist essentiell. Dabei könnten nicht nur die zukünftigen Dopingsünder des Spitzensports entlarvt, es würde der Sport von Grund auf gereinigt werden.

 

Ob die Veränderungen erfolgreich sein werden, liegt vor allem an einer unabhängigen, strikten Kontrolle, die hart gegen Doping-Sünder in allen Bereichen vorgeht und diese ausnahmslos bestraft. Die vorgeschlagenen Maßnahmen, sei es die Streckenverkürzung oder die Veränderung der Teamzusammensetzung, müssen umgesetzt, ein Dialog mit der Öffentlichkeit gesucht werden. Die Bereitschaft zur Bewältigung des langen, steinigen Weges zurück zur Normalität muss deutlich ersichtlich sein.

 

Eine letzte Chance erhält der Radsport von der ARD. Animiert von den Erfolge durch Marcel Kittel und John Degenkolb überträgt die Arbeitsgemeinschaft für jährlich 2,5 Millionen Euro ab 2015 wieder die Tour de France, nachdem sie die Liveberichterstattung 2012 eingestellt hatte. So ganz traut aber auch die ARD dem Radsport nicht. Für den Fall eines systematischen Dopingvergehens im Peloton ließ sie in dem zweijährigen Vertrag eine Ausstiegsklausel verankern. Auch der Bericht der Kommission für den Radsportverband bestätigt den Zweifel. So konnte keiner der befragten professionellen Radfahrer bestätigen, dass der jetzige professionelle Radsport hundertprozentig dopingfrei ist.