Wenn der Wolf zu Mozart tanzt

von Michael Hammerl

Zum Saisonstart der Ersten Liga traf violette Fankultur auf blaugelbe Spielkultur. Über ein Salzburger Heimspiel in St. Pölten

„Wir sind die Jungs aus der Mozartstadt!“, brüllen die violetten Traditionalisten. Das ist sie also, die neue Austria, die gerne „Das Salzburger Original“ wäre. Rechtlich gesehen feiert der Sportverein Austria Salzburg am 7. Oktober sein zehnjähriges Jubiläum. Dieser juristische Makel scheint seine Fans sogar noch zu bestärken, sich auf die Wurzeln jenes Klubs zu besinnen, der die eigentliche Austria 2005 faktisch gekauft und quasi ausradiert hatte, sie aber genau genommen noch immer ist: Red Bull Salzburg.

 

Dass das Wort „Austria“ seit 1978 nicht mehr im offiziellen Vereinsnamen des heutigen RB Leipzig-Ausbildungsvereins vorkommt, scheint die lautstarke Masse mit Rapid-verdächtigem Prozentsatz an Oben-Ohne-Hools auch nicht weiter zu stören. „Scheiß Tirol!“, skandieren sie lieber, in ernstzunehmender Vorfreude auf den 11. September. Nicht falsch verstehen, an diesem Tag wird die Austria gegen den Erzfeind Wacker Innsbruck antreten. Ausschreitungen dürfen befürchtet werden. Die gab es von Seiten der Austria-Fans bereits im Vorjahr, beim Cupspiel gegen Sturm.

 

In St. Pölten wurden die Anhänger ihrem schlechten Ruf nicht gerecht.

 

Arme Hunde, rassiges Spiel

 

Lupo, das SKN-Maskottchen, ist ein armer Hund. Die Temperaturen haben die 30 Grad-Grenze noch nicht unterschritten. „Danke für 8000 Facebook-Likes!“, freut sich indessen der Stadionsprecher, während der St. Pöltner Fanklub „Wolfbrigade“ via Transparent eine gewisse „Frida“ willkommen heißt. Die Hitze könnte einem schnellen Spiel im Weg stehen – vermutlich.

 

Vermutlich ist diese Vermutung falsch, denn die erste Halbzeit ist ein Fußball-Leckerbissen. Tempo, Torchancen, Tore – das Trikolon zum perfekten Ballsport. Die Kerle in den niederösterreichischen Landesfarben machen mächtig Dampf. Zuerst scheitert Stürmer Thürauer aus spitzem Winkel. Dann schreit ein beinahe hyperventilierender Zuschauer „Schiaß!“. Mehrmals sogar, mit Nachdruck. „Schiaß doch!“ Rechtsaußen David Stec hört ihn nicht, verdribbelt sich. Es folgt ein Corner vor der violetten Nordtribüne. Daraus resultieren gellende Pfiffe, sowie ein weiterer Corner. Und tatsächlich, nach Flanke von Michael Ambichl steht Innenverteidiger Wisio viel zu frei und köpft. 14. Minute, 1-0 für St. Pölten. Verdient ist nichts anderes.

 

Eine halbe Minute später steht es 1-1. Es ging schnell, über den Außenstürmer Zirnitzer, der allen davon lief und flach in die Mitte flankte. Stürmer Katnik bekam von Wisio jene Freiheiten gewährt, die der Verteidiger zuvor bei seinem eigenen Treffer genossen hatte. „Schnös 1-0, daun kriagst so a grindigs Tor. Unwahrscheinlich.“, kommentiert ein aufgebrachter SKN-Fan die Szenerie.

 

Die Wölfe heulen nur kurz und verbeißen sich alsbald wieder in Gegner und Spiel. Wisio bekommt dafür eine gescheuert. Blut fließt. „Ziahooida!“ Stec schießt und verzieht. Und nochmal Stec, diesmal von Dober perfekt in Szene gesetzt, entläuft auf seiner rechten Seite allen violetten Siebenschläfern. Pass nach innen, Thürauer macht den Katnik und stellt die verdiente Führung wieder her.

 

Sieben Minuten später steht es 2-2. Diesmal ist es wieder der echte Katnik. Ex-Red Bull Salzburger und Wacker Innsbrucker Ernst Öbster hat die Vorlage geleistet. Die Austria-Fans identifizieren sich vielleicht nicht mit dem Vorlagengeber, aber mit dem Tor.

 

Die Kräfte schwinden

 

Die Sonne ist versunken. Der Schiedsrichter pfeift zum Pauseneistee, das Publikum applaudiert. Alles „bello“ bei den Wölfen, nur die Führung fehlt. Spielerisch waren sie besser, während vor allem ein Salzburger negativ auffiel. Neuzugang Somen Tchoyi, wie Öbster gewesener Red Bulle, hat seine kamerunischen 1,90 nicht wirklich unter Kontrolle. Die langen Beine machen, was der Ball nicht will. Einmal flüchtet Tchoyi aus seiner Wohlfühloase im Mittelkreis und bricht auf links durch. An der Hereingabe wird von jedermann vorbei gesenst.

 

In Hälfte zwei wird besagte Sense dann immer öfter ausgepackt und im Minutenintervall die gelbe „Göwe“ gefordert. Das Tempo bleibt auf dem annähernd selben Level, Technik und Präzision aber nicht. „Flach spielen, ja, genau.“ Mader hört auf seine Fans, die Kugel kullert. Das Spiel ist nicht total verflacht, doch das Tor bleibt aus.

 

Das Niveau sinkt auf dem Rasen und auf den Rängen. Auffallend viele Salzburger Spielermütter scheinen im Gewerbe der käuflichen Liebe tätig zu sein. Und als Katnik mit SKN-Torwart Riegler kollidiert, werden ihm gar dreiste Dinge an den Kopf geworfen. Zitate sind an dieser Stelle genauso unpassend und substanzlos, wie folgende Beschreibung: Ein Grashüpfer springt die Seitenlinie entlang und beginnt zu fliegen. Es ist eine Libelle.

 

St. Pöltner Eigenheim

 

Zu Ende fliegen nicht nur Libellen, sondern auch noch einige hohe Bälle in den Salzburger Strafraum. Doch es bleibt beim Unentschieden, das von der alten, neuen Fanmacht aus Salzburg frenetisch beklatscht und bejubelt wird. Akustisch hat ihnen die 5.300 Zuseher schwere NV Arena gehört. Sportlich wäre ein SKN-Sieg zum Saisonauftakt für den objektiven Beobachter gerechtfertigt gewesen. Alleine die Corner-Statistik von 11-1 spricht Bände.

 

Sollten die SV Austria Salzburg-Anhänger auch in Zukunft nur durch Lautstärke auffallen, sind sie für diese Liga eine Bereicherung. Die Violetten machten sich die Arena zum Eigenheim. Inmitten der zweiten Halbzeit, als sich die sportliche Relevanz zunehmend in Richtung Salzburger Strafraum verlagerte, stand ein halbnackter Fan vor der eigenen Kurve und animierte den Mob zusätzlich. Er klatschte mit den Ordnern ab. Die Aktion war wohl abgesprochen.

 

In St. Pölten bleibt schlussendlich alles friedlich und Salzburg gewinnt mit 2-2.