Patrioten vom Badner Land

von Michael Hammerl

Es gibt sie wirklich, die Fans des Retortenklubs TSG 1899 Hoffenheim. Gegen Ligakonkurrent Borussia Mönchengladbach wurden sie auch benötigt, denn: Hoffenheim befindet sich im Abstiegskampf.

 

 

Samstag-Nachmittag, Sinsheim friert. Ein Fanmarsch von Anhängern der TSG 1899 Hoffenheim ist vor dem Heimstadion eingetroffen. Sie skandieren „Lügenpresse! Lügenpresse!“ Die Hundertschaft erregt Aufsehen, will aber nicht gefilmt werden: „Ey! Mach die scheiß Kamera weg!“, pöbeln sie einen Kollegen vom Südwestrundfunk SWR an. Weniger erhitzt sind die Gemüter der motorisierten 1899-Anhänger. Gemächlich schlendern sie über den Arena-Parkplatz und erklären mit badischer Bierruhe, warum sie Hoffenheim anfeuern. „Wegen der Nähe. Wir haben fünf Minuten zu fahren, ne“, meint ein Einheimischer mit blau-weißer Bommelmütze. Warum er gerade der TSG die Daumen drückt? „Das war mehr oder weniger Zufall, dass ich jetzt Hoffenheim-Fan bin. Bremen war zu weit weg, um mit dem Auto hinzufahren.“

 

Hoffenheimer Hauptmotiv: Heimat. Alles andere wäre auch ungewöhnlich. Die TSG ist ein typischer Retortenklub. Sie wird seit den 90er-Jahren vom lokalen Mäzen Dietmar Hopp finanziell unterstützt. Bis zu 200 Millionen Euro hat der Gründer des Softwareunternehmens SAP investiert, um den ehemaligen Amateurverein in die Deutsche Bundesliga hoch zu wirtschaften. Dort spielt die TSG seit 2008. Ein unbeliebter Umstand.

 

„Denen muss einfach gezeigt werden: Ihr seid ein Retortenklub, aus dem Nichts geboren. Ihr geht wieder runter!“, äußert sich ein Anhänger der gegnerischen Mannschaft Borussia Mönchengladbach. Sein Kumpel nimmt einen Schluck Dosenbier und legt nach: „Waldhof Mannheim und Union Berlin gehören mehr in die Bundesliga, als TSG Hoffenheim.“

 

Audio: "Gisdol, Stevens und dann... Nagelsmann" - von David Eder

 

 

Ein Abstieg ist realistisch

 

8 Punkte nach 13 Spieltagen, letzter Tabellenplatz, Trainerwechsel: Bei Hoffenheim läuft es heuer einfach nicht. Vor Spielbeginn singen die Zuschauer dennoch mit Inbrunst das Badnerlied: „Das schönste Land in Deutschlands Gau'n, das ist mein Badner Land. Es ist so herrlich anzuschaun und ruht in Gottes Hand.“

 

Schiedsrichter Michael Weiner pfeift an. Fünf Minuten später führt Gladbach. Linksaußen Fabian Johnson trifft mit Rechts von rechts. Der Flachschuss touchiert die linke Innenstange, dann kullert er ins Netz. Das Spiel ist ein Kampf, das Publikum weiß sich dennoch gesittet zu artikulieren: „Hey! Mensch… Foul.“ Hoffenheim gibt nicht auf, steht tief, kontert schnell, gleicht aus und: „Tor in der 34. Spielminute!“ Mittelfeldmotor Eugen Polanski hat zum 2-1 getroffen. Überhörbarer Jubel unterstreicht die Hoffenheimer Abstiegsambitionen. Das Publikum akzeptiert den Pausenpfiff und begibt sich in die Katakomben.

 

Hier kommt die Sonne: Der hellste Stern von allen scheint nur kurz. Schön war’s trotzdem
Hier kommt die Sonne: Der hellste Stern von allen scheint nur kurz. Schön war’s trotzdem

 

Dort wartet bei Temperaturen um den Gefrierpunkt der Eiswagen. „Nico‘s Eisstube“ hat heißen Kaffee im Sonderangebot. Die Menschen kaufen trotzdem Eis. Der Wettergott scheint verwirrt. Sonnenstrahlen beleuchten plötzlich jene Flaggen, die an der Innenseite des Stadiondachs hängen. Sie zeigen 74 Wappen von Gemeinden aus der Umgebung. Die Aktion „Flagge zeigen“ wirbt um Regionalpatrioten und zeigt Wirkung. Angeblich ist das Stadion mit 30.150 Zusehern ausverkauft. Die freien Plätze auf den Sitzrängen belegen anderes.

 

Hoffenheim ist übrigens nur ein Stadtteil von Sinsheim. In der gesamten Stadt leben zirka 35.000 Menschen. Genug, um das Stadion zu füllen. Es liegt fernab der urbanen Einöde, in badisch-ruraler Idylle. Zwischen Feldern, Autobahn und der Thermen & Badewelt Sinsheim.

 

Doch der Gedanke an Badner Badewelten ersetzt keine Sitzheizung. Die Pause ist vorbei, das Eis will nicht schmelzen und der Gladbacher Spielmacher Lars Stindl macht, wofür er bezahlt wird: Er spielt einen Lochpass. Allerdings in die falsche Richtung. Der Hoffenheimer Nadiem Amiri läuft in die Schnittstelle, narrt zwei Gladbacher mit einer Körpertäuschung und schiebt ein. 3-1.

 

Audio: "Die Hoffenheimer Fanszene" - von Michael Hammerl

 

 

Traditionell unterbelichtet

 

Neun Minuten später macht es Stindl nicht besser, aber richtig. Er flankt auf den Kopf von Mitspieler Josip Drmic, der köpft ins gegnerische Tor, die Mannen von Gladbach-Trainer André Schubert tauen auf. Unter ihm haben die Fohlen noch kein Bundesliga-Spiel verloren. Kurz vor Spielende schließt Fabian Johnson eine Traumkombination zum 3-3 ab. „Mit dem Unentschieden können wir zufrieden sein“, meint ein Hoffenheim-Anhänger zum Sohnemann. Der will sich damit nicht abfinden: „Zufrieden? Es ist immer dieselbe Kacke!“ Der juvenile Hang zum Fanatismus täte den erwachsenen Stadionbesuchern gut. Direkt nach dem Ausgleich in Minute 87 lichten sich die blau-weißen Kurven. Der Schlusspfiff ertönt vor halbleeren Rängen.

 

Die TSG 1899 Hoffenheim hat es vertan, drei Punkte zu holen und steht weiterhin auf dem letzten Tabellenplatz. Zur Hoffenheimer Fanszene sei gesagt: sie existiert. Vielleicht im Stillen, aber besser so, als mit 30.000 „Lügenpresse“-Schreiern. Auf Häme und Anfeindungen von anderen Fangruppen, kennt ein Hoffenheimer Fanklub-Mitgründer die passende Antwort: „Es gibt im Fußball, vielleicht speziell im Fußball, überdurchschnittlich viele geistig Unterbelichtete.“

 

„Ein Team. Ein Weg. Einmalig“, steht auf einem Werbeplakat am Spielfeldrand. Ob die TSG auf ihrem einmaligen Weg erstklassig bleiben wird, ist fraglich. Steigt sie ab, war sie es immerhin länger, als Traditionsvereine wie Waldhof Mannheim und Union Berlin. Nämlich acht Jahre.