Keiner mag uns

Zuhause auf dem fremden Platz: Obwohl es aktuell wenig Anlass dazu gibt, feiern Anhänger der Salzburger Austria beim Spiel gegen den LASK ihren Klub. (c) David Eder

von David Eder

Seit ihrer Neugründung vor zehn Jahren schreibt die Salzburger Austria ein modernes Fußballmärchen. Das Happy End gibt es jedoch nur, wenn Auflagen erfüllt werden. Momentan ist der Verein davon mindestens so weit weg, wie Wien Floridsdorf von Salzburg Maxglan. Beobachtungen eines Kampfes abseits seiner Schauplätze.

 

Es ist kalt in Floridsdorf. Der Atem eines Polizisten scheint stärker zu rauchen, als die Käsekrainer auf seinem Pappteller. Ohne jede Eile stapft er die Handvoll Stufen der Haupttribüne am Platz des Floridsdorfer AC hinunter und stellt sich zu seinen Kollegen. Es sind fast zwanzig. Die Polizisten tragen Schlagstöcke rechts, weiße Schutzhelme mit Visier links. Einer zieht genüsslich an seiner Zigarette, zwei andere plaudern mit den Fußballfans. Nur wenige Schlagstocklängen vor ihnen spielt Austria Salzburg gegen den LASK. Das Spiel passt zu den Temperaturen. Im Rücken der Polizisten beleuchtet das Flutlicht eine graue Hauswand. Davor eine Baugrube, mittendrin ein oranger Bagger. Das Bild hat Symbolcharakter.

 

Eigentlich sollte die Austria nicht hier spielen. Die Violetten sind die offizielle Heimmannschaft, ihr Zuhause liegt aber in Salzburg. Das Aufeinandertreffen mit dem Linzer ASK wurde als Risikospiel eingestuft, genauso die Duelle mit Wacker Innsbruck. Das Salzburger „MyPhone Austria Stadion“ genügt den Sicherheitsrichtlinien nicht, ebenso wenig das Ausweichstadion in Schwanenstadt. Dabei hatte die finanziell alles andere als wohl situierte Austria beide Stadien aufgerüstet, um den Anforderungen der Bundesliga gerecht zu werden. Sie wurde es nicht. Lokale Alternativen wie die EM-Arena in Wals-Siezenheim, Heimstätte des FC Red Bull Salzburg und das Grödiger "DAS.GOLDBERG Stadion" existieren aufgrund von Absagen der jeweiligen Betreiber nicht. „Ein Witz!“, echauffiert sich ein Fan, der beim Haupteingang des FAC-Platzes Fanartikel der Heimmannschaft verkauft, die eigentlich keine ist. „Ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass die anderen Vereine nicht kooperieren.“ Seine violette Haube verrutscht, während er gestikuliert.

 

Red Bull wollte dem Verein, der sich nach der Übernahme des Getränkeherstellers 2005 neu gegründet hatte, sein Stadion nicht zur Verfügung stellen, da der Rasen keine zusätzlichen Spiele verkrafte - so die offizielle Begründung. „Das ist natürlich äußerst bitter, zumal sich unsere Fans in der Sky Go Ersten Liga bislang vorbildlich verhalten haben“, reagierte - und interpretierte Austrias Sportvorstand Gerhard Stöger. Die Fans sind Fluch und Segen zugleich. Während die Rivalität mit gegnerischen Fangruppen erst für „Risikospiele“ sorgt, haben die Anhänger durch Spenden wesentlich dazu beigetragen, dass das Ausweichstadion in Schwanenstadt bundesligatauglich gemacht werden konnte. Dass gegen Wacker Innsbruck die Fans dennoch vom Stadion ausgeschlossen worden sind, ist nur eine der unzähligen Facetten des Spießrutenlaufes für die Daseinsberechtigung im Profifußball.

 

„Wir san Soizburger, kana mog uns, scheißegal!“ Hunderte weiß-violett Bekleidete schunkeln hinter dem Tor von Austria-Torwart Ebner, nur die Melodie deckt sich mit Rod Stewards „I am Sailing.“ Der Keeper ist ein sicherer Rückhalt. In Minute 33 beginnen die Austria-Fans zu klatschen - in Anlehnung an das Gründungsjahr der ursprünglichen Austria. Es würde Ebner keiner verübeln, würde er den Applaus als Anerkennung seiner Leistung verstehen. Die Offensive spielt schwach, der holprige Rasen und die kühle Wiener Peripherie lähmen den ohnehin stotternden Motor. Trainer Jörn Andersen hadert mit der Hektik seiner Mannschaft: „Ruuuuhig! He! He! He!“, brüllt er und beruhigt niemanden. Neben einem Tor gegen den immer stärker werdenden LASK ist Ruhe genau das, wonach sich der Verein sehnt.

 

Dass der Sturm erst kommen sollte, weiß in der Halbzeit am FAC-Platz noch niemand. Auf den Zuschauerrängen fällt fast minutiös das Wort „Lizenz“, doch das ist im Westen nichts Neues. Neu ist der Inhalt einer Presseaussendung von Austria Salzburg am Tag nach dem Spiel. Der Verein wird erklären, ein Sanierungsverfahren einzuleiten und innerhalb der folgenden zwei Jahre mindestens zwanzig Prozent der Verbindlichkeiten abtragen zu können. Die Bundesliga wird daraufhin bekanntgeben, dass die Eröffnung eines Sanierungsverfahrens unabhängig vom Ausgang desselben die Reihung ans Tabellenende am Saisonende zur Folge habe. Sie wird jedoch auch festhalten, dass die Salzburger Austria nach momentanem Kenntnisstand die Meisterschaft fortsetzen wird können.

 

In Floridsdorf laufen weiterhin elf Violette dem Ball hinterher, ehe sie Minuten nach der Pause durch den Linzer Fabiano in Rückstand geraten. Stefan Ebner steht inzwischen im Tor gegenüber der Anhänger. Sie skandieren: „Auf geht’s Salzburg, schießt ein Tor…“. Doch Salzburg schießt kein Tor mehr, der LASK erhöht durch einen Elfmeter auf 2:0. Ebner kann den Strafstoß von Nikola Dovedan, ehemaliger Nachwuchsspieler von Red Bull Salzburg, nicht parieren. Er hatte den Elfmeter sogar selbst verschuldet. Zumindest in diesem Spiel ist der sichere Rückhalt durchbrochen. Die Niederlage und die eigene Leistung schmerzt. Nach neunzig Minuten reisen die Heimfans zurück nach Salzburg und die Polizisten ziehen ab, sie sind satt. In Floridsdorf geht das Flutlicht aus. Die Baustelle bleibt.