Verwechselt

von Michael Hammerl

Der Transfer von Kevin Großkreutz ist vorerst an bürokratischer Nachlässigkeit gescheitert. Der Spieler zeigt Charakter und bleibt dennoch in Istanbul.

 

David de Gea und Kevin Großkreutz vereint ein lästiges Schicksal. Beide wollten kurz vor Ende der Transferperiode den Verein wechseln. Beide scheiterten am Faktor Zeit. Dabei hat der Begriff „Zeit“ im Profifußball nur mehr eine untergeordnete Bedeutung. Die Einhaltung von Vertragslaufzeiten wurde von gierigen Spielern und noch gierigeren Spielerberatern zu einer Ausnahme degradiert.

 

Kevin de Bruyne ist ein aktuelles Beispiel. Gemeinsam mit Berater Patrick de Koster übte er Druck aus. Intern und über die Medien. Der Spieler, eine wechselwillige Marionette, gönnte dem Berater seine millionenschwere Provision, distanzierte sich öffentlich von seinem Vertragspartner und erzwang somit den Wechsel zu Manchester City. Diese Methode wird schon bald Tradition haben und Sprüche wie  „Ich, Kevin de Bruyne, werde auf jeden Fall diese Saison beim VFL Wolfsburg spielen“, nimmt niemand mehr ernst. Vor allem dann nicht, wenn sie von ARD-Moderatoren vorgesagt werden.

 

Gottähnlich

 

Es gibt eine Floskel, die diesen wunderbaren Sport mittlerweile vereinnahmt: „Im Fußball ist alles möglich.“ Sie gehört zu jedem Fußball-Interview-Bullshit-Bingo. Damit ist realistischer Weise nicht gemeint, dass England ein Elfmeterschießen gewinnen könnte. Es bedeutet, dass alles und jeder käuflich ist. Auch Gott, auch Schweinsteiger.

 

Besagten Gott gab es nicht nur beim FC Bayern. Streng genommen hatte bis vor kurzem auch Borussia Dortmund einen. Nur kämpfte dieser nicht im Maracanã um sein Leben. Er war auch nicht tragischer Held eines „Finale Dahoam“. Er pinkelte lieber in Hotel-Lobbys, gewann „Goldene Umbertos“ für grammatikalische Höchstleistungen und blieb zuletzt nur selten „die ganze Halbzeit mit frisch“. Trotz Mentos und wegen anhaltender Kniebeschwerden.

 

Mag er auch ein aggressiver Spieler, ein Kämpfer sein, fußballerisch ist Kevin Großkreutz einer unter vielen. Obgleich er sich Meister, Pokalsieger und sogar Weltmeister nennen darf: Großkreutz gehört zu jener Sorte Spieler, die von einer auserwählten Gruppe geliebt und von allen anderen gehasst werden. Er sieht aus wie ein verhaltensorigineller Lagerarbeiter bei Aldi, mit Hang zum Vandalismus. Und wäre er nicht Profifußballer geworden, würde er jeden Samstag auf der Dortmunder Südtribüne stehen, ein kühles Bierchen zischen und „Schalke! Scheiße!“ skandieren.

 

Aussortiert

 

Daraus ist nichts geworden. Die fußballerische Karriere wird der Links/Rechts-Außen/Außenverteidiger wohl nicht im Ruhrpott beenden. Kleiner Trost: Zum Abschied lief Großkreutz auf Instagram zu (seinen) poetischen Höchstleistungen auf: „Bleibt Euch selber treu, denn 'Spieler kommen und gehen, Borussia Dortmund bleibt bestehen‘“. Die Lehre der Metrik ist Großkreutz genauso fremd, wie der richtige Ton.

 

Fakt: Der Abgang verlief und verläuft unehrenhaft. Von Neo-Trainer Thomas Tuchel aussortiert, scheiterte der Wechsel zu Galatasaray Istanbul an einer Unterschrift. Nicht das BVB-Urgestein, sondern der Assistent von Galatasarays Sportdirektor hatte vergessen, seinen Namen auf ein Blatt Papier zu schreiben. Großkreutz konnte deshalb nicht rechtzeitig von der FIFA für die Hinrunde registriert werden. Der Assi wurde gefeuert.


Deshalb darf Dortmunds ehemaliger Alpha-Kevin bis Jänner an keinem Pflichtspiel für die Türken teilnehmen. Er hat nun Zeit sich „im Training zu beweisen“, durch die Stadt zu schlendern, Wurfbuden zu besuchen und Schnellimbiss „mit alles“ auf Fenerbahçe-Fans zu werfen. Dass er nicht jammert, sondern den Wechsel durchzieht, seine Rolle jetzt schon wahrnimmt, seinen Mann steht, zeugt von Charakter. Den kann ihm niemand nehmen, auch nicht die Häme, mit der ihn Medien und Fans anderer Lager immerzu überschütteten. Auch nicht die Häme dieses Kommentars.