Gott ist käuflich

von Michael Hammerl

Bastian Schweinsteiger ist bei nüchterner Betrachtung ein Opfer des bajuwarischen Leistungsprinzips. Die Fans des FC Bayern München sind dennoch sauer über seinen Weggang.

 

Wer Bayern-Fan ist und sich noch an 1999 erinnern kann, dem wird folgende Tatsache besonders wehtun: Bastian Schweinsteiger wechselt zu Manchester United. Der Fußballgott hat sich also in den (finanziellen) Fußballhimmel verabschiedet. Sportlich werden sie es verkraften, die Bayern. Schweinsteiger ist niemand, der die Ära Guardiola entscheidend prägen konnte. In den letzten beiden Jahren wirkte er älter, als er eigentlich ist: 30. Ein gutes Alter für einen zentralen Mittelfeldspieler. Zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahre könnte er noch auf höchstem Niveau spielen. Dass daraus nichts wird, davon ist offensichtlich vor allem einer überzeugt: Der FC Bayern.

 

Vom Schweini zum Anführer

 

Der Fußballgott verlässt den Gottesstaat Bayern und geht dorthin, wo der Gottkomplex regiert. Nach Manchester, zu Louis van Gaal, seines Zeichens Ex-Bayern Trainer. Von 2009, als er als Fußballlehrer vorgestellt wurde, bis zu seinem Rauswurf im April 2011. Dieser Holländer, der Tulpen-General, ist dafür verantwortlich, dass aus einem mittelmäßigen Flügelspieler einer der besten zentralen Mittelfeldspieler der Welt wurde. Den großen Titel, die Champion League, gewann Schweinsteiger erst unter Jupp Heynckes. Van Gaals Verdienst ist, dass BS31 nicht als ewiges Talent auf der Außenbahn verheizt wurde, sondern Verantwortung übernehmen musste. Er machte Schweini, den lustigen Blondschopf aus dem Film Deutschland. Ein Sommermärchen, zum Mann.

 

Im Finale Dahoam, verschießt dieser Mann 2012 den entscheidenden Elfmeter. In der folgenden Saison bildet er mit Javi Martinez die stärkste Doppel-6 der Welt, kehrt ins Finale der Champions League zurück, spielt schlecht, triumphiert dennoch. Und dann, im Juli 2014, droht er im WM-Finale gegen Argentinien von südländischen Heißspornen entstellt zu werden. Blutend humpelt er über den Rasen, bis zum bittersüßen Ende. Dann ist er Weltmeister, eine lebende Legende, die alle deutsche Welt liebt.

 

Leistungsabfall nach dem Titel

 

Die Chronologie der Ereignisse ließe darauf schließen, dass sich der Fußballgott 2014 am absoluten Zenit seiner Leistung befand. Eine Fehlinterpretation. 2012/2013 in dieser Saison hat die Welt wahrscheinlich den stärksten Schweinsteiger gesehen. Im Sommer 2013 bekam Bayern einen neuen Trainer namens Pep Guardiola. Der Katalane, den die Scouting-Abteilung der Münchner in New York ausfindig gemacht hatte, wusste Schweinsteiger regelmäßig einzusetzen. Im System des Spaniers wirkte der Deutsche jedoch oft wie ein Fremdkörper. Er war chronisch verletzt, verlor an Dominanz, Dynamik, Spritzigkeit und Zweikampfstärke. Sein Verkauf war die logische Konsequenz eines eklatanten Leistungsabfalls.

 

Wie eng das Formtief Schweinsteigers mit Guardiolas Spielsystem korrelierte, wird man in den folgenden drei Jahren in Manchester beobachten können. Die Vermutung liegt nahe, dass die Bayern keinen schlechten Deal gemacht haben. Der Kader wurde verjüngt, ein formschwacher Großverdiener hat den Verein verlassen und noch dazu 20 Millionen in die Vereinskasse gespült. Für die Fans ist das Thema Schweinsteiger damit aber noch nicht vom Tisch. Und die wahren Umstände, wie und warum der Wechsel zustande kam, sind auch noch nicht restlos geklärt.

 

Wollte Schweinsteiger wechseln?

 

Rummenigge: Er hat den Wunsch geäußert, zu Manchester United transferiert zu werden. Wir haben versucht, ihn zum Verbleib zu überzeugen. Aber ich habe Verständnis, dass er noch einmal eine neue Erfahrung machen will. Bei jener Pressekonferenz, die den Verkauf von Schweinsteiger zur absoluten Gewissheit werden ließ, wollte Rummenigge vor allem einen Eindruck vom Tisch wischen: dass man den Abgang des Spielers mit der Nummer 31 forciert hatte. Dass ihn Pep Guardiola in seinem System nicht mehr benötigte. Dass Schweinsteiger seinem Gehalt und einem Stammplatz in dieser Verfassung nicht mehr gerecht wurde.

 

Das Problem: Den Verkauf einer Identifikationsfigur kann man einem richtigen Fan mit derart rationalen Argumenten nur schwer verkaufen. Die Fußballwelt ist nach außen hin bunt, in ihrem Innenleben regiert aber mittlerweile eine kalte, menschenfeindliche Form der Ökonomie. Als Weltklasse-Verein mit dem Anspruch, jede Saison um den Europacup mitzuspielen, muss sich der FC Bayern gewissen Gegebenheiten unterwerfen. Das wissen seine erfolgsverwöhnten Anhänger. Doch man möchte es nicht glauben, auch Bayern-Fans sind manchmal Fußball-Romantiker. Bei der Teampräsentation wurde Rummenigge kräftig ausgepfiffen, nachdem er den Transfer in einer zünftig besuchten Allianz Arena verkündete. In den sozialen Netzwerken trauert der Fan um Schweinsteiger wie um einen verlorenen Sohn.

 

Schwer vorstellbar, dass dieser Mann diesen Verein, seine Heimat, seine Familie, wirklich aus freien Stücken verlassen hat. In Manchester ist Schweinsteiger kein Fußballgott, sondern ein gealterter Sportler mit langer Krankenakte. Der Faktor Zeit spielt gegen ihn und niemand weiß, ob Louis van Gaal nach der folgenden Saison noch ManU-Trainer sein wird. Er hat einen baldigen Rücktritt vom Profi-Geschäft angekündigt und sollte die horrenden Investitionen des Premier-League-Klubs auch in Bälde mit einem großen Titel rechtfertigen.

 

Identitätsverlust

 

Das Mittelfeld der Münchner ist stark aufgestellt. Es kommt ohne Schweinsteiger aus. Wenn sich die Verletzungsmisere der letzten Saison nicht wiederholt, wird dieser Kader auf höchster europäischer Ebene konkurrenzfähig sein. Es kann zudem davon ausgegangen werden, dass sich noch der eine oder andere Neuzugang nach München verirrt. Vielleicht heißt der neue Fußballgott des FC Bayern ironischerweise Angel di Maria. Vielleicht wird dieser Transfer mit dem Schweinsteiger-Millionen verrechnet natürlich nur inoffiziell.

 

Die Wahrscheinlichkeit hält sich auf diesem verrückten bis abartigen Markt nie in gesunden Grenzen. Der Sportjournalismus leidet momentan unter einem Mangel an Fakten, deshalb stopft das di Maria-Gerücht seit Wochen so manches Sommerloch. Tatsache ist, dass der Transfer von Schweinsteiger einen erheblichen Identitätsverlust für die Bayern darstellt. Was Identität überhaupt bedeutet, darüber lassen sich Bücher füllen.

Der Soziologe Erik Erikson meint: Identität ist das Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit einer eigenen Lebensgeschichte zu sein.Schweinsteiger ist ein unverwechselbarer Fußballer mit einer eigenen Leidens- und Erfolgsgeschichte. Geprägt hat ihn zudem seine Vereinstreue. Er ist eine Marke, die nun lernen muss, auch ohne den FCB zu funktionieren. Und wenn die Bayern-Fans ihren Fußballgott in den nächsten Wochen und Monaten auch noch so vermissen werden: Jedes Ende ist immer der Anfang von etwas Neuem.

Somit: Schwein gehabt.