„Geht scho Tigi-Dacki“

von Jonas Achorner

Die Legende lebt – jene Hymne, die bei jedem Heimspiel im Innsbrucker Tivoli Stadium ertönt, ja erklingt, sie ist zu einem Mantra verkommen. Der Wunsch nach alten Zeiten, die Hoffnung nach ihrer Wiederkehr, kaum ferner scheint sie bei einem Blick auf die Tabelle. Wacker Innsbruck ist angekommen, am Ende des professionellen Fußballs, an der Schwelle zur Bedeutungslosigkeit. Gerade zu dieser schweren Stunde sind die Fans gefordert. Beim Auswärtsspiel auf dem Floridsdorfer Grashügel zeigt sich, dass es manchmal schwer ist Fußballfan zu sein. Dennoch, die Hoffnung stirbt nie, denn Legenden tun es auch nicht.

 

Die U-Bahn ist voll. Husten, Räuspern, Handylaute – die Arbeitswoche hatte dem Wochenende Platz gemacht. Über die Donau fahren wir in Richtung Norden. Eine Stunde bis zum Spielbeginn. An der Straßenbahnstation, ein grüner Schaal, ein kurzes Nicken, anerkennend.

 

Seit ich in Wien studiere, fern der Tiroler Heimat, gibt es für mich als Fußballfan zwei fixe Termine, den 17. Oktober und 13. März. An diesen Tagen reisen die Innsbrucker, vorbei an der Hanappi-Baustelle in den Norden Wiens nach Floridsdorf. Hatte im Herbst noch die Trauer über eine 0:2 Niederlage überwogen, blieb nach einem mauen Frühjahr die Ernüchterung. Wacker Innsbruck, vor der Saison noch mit Wiederaufstiegsambitionen gestartet, findet sich am anderen Ende der Tabelle wieder.

 

Nichts verdeutlich einem mehr die verlorene Erstklassigkeit, den drohenden Amateurfußball, als der Floridsdorfer Grashügel. Er ist quasi der Boden der Realität, dessen Schmutz sich in die Schuhe der Fans treibt, dessen Geruch die bevorstehende ländliche Fußballperipherie andeutet, vor der sich Wacker-Fans fürchten.

 

Die Wiener Hopfengasse. Wir gehen zum Eingang, zum richtigen Eingang. Im Herbst standen wir vor der Heimtribüne. „Tiroler miassn drüben rein“. Um einen Häuserblock, uns schwante Böses. Schließlich standen wir vor dem was ein Auswärtssektor sein sollte, ein Grashügel. Derselbe liegt nun immer noch vor uns. Einzig, statt einem Dixi-Klo samt Biertisch, gibt es ein rundes Barzelt, welches an ein Dorffest erinnert. Mein Wacker-Leidensgenosse hat Geburtstag, für das Spiel hat er den Kaffee mit einer befreundeten Mitstudentin abgesagt, etwas, das er während des Spiels mehrmals lautstark bereut.

 

Vor dem Spiel hatte er von seinen Kommilitonen Süßigkeiten geschenkt bekommen. Die Security lacht, als sich die vermeintliche Pyrotechnik als Schokostange entpuppt. So stehen wir da, kaltes Bier, kalte Füße. Eine weitere Security, ebenfalls erheitert, die Lippen nach unten ziehend, meint, dass zwei Busse erwartet werden. „A Wohnsinn, de Innsbrucker in da 2tn Liga, so ah Tradition, soiche Fans“. Wir nicken bedächtig. Insgeheim wissen wir, beim LASK bedauert er das Gleiche.

 

Zur Anstoßzeit sind wenige Fans am Grashügel, alte Stimmen der Nostalgie scheinen zu überwiegen. Hansi Müller, Gilewicz, Hinterseer, Freunde treffen sich, das Spiel scheint Beigeschmack. Es stimmt auch, wer auf den Platz sieht, sieht wenig. Kaum eine zusammenhängende Aktion. Krampf und Kampf im Mittelfeld, die Pause gleicht einer Erleichterung von der Last des schlechten Fußballs.

 

Ein Blick über den grünen Hügel. Der Vater und sein Sohn, beide mit grüner Kappe und Schal. Selfies, Erklärungen, eine Jause. „Kann Wacker noch Champions League-Sieger werden?“ Der Vater schweigt. Junge Fans mit Kapuzen, grimmige Gesichter, zwei Jugendliche, lautes Lachen – vorwurfsvolle, grimmige Blicke.

 

Gelegentlich stimmen manche Fans Wacker-Gesänge an, doch weitestgehend bleibt es ruhig. Man wurde das Gefühl nicht los, dass jene einen möglichen Sieg nicht verschreien wollten. Manche sahen vielleicht in der Auswärtsfahrt eine obligatorische Pflicht. Kaum einer, zumindest in meinem Umfeld, beschwert sich über die wenigen Fans. Wie kann man auch. Freitag, 18:30, ist keine gute Zeit, für schlechten Fußball. Doch wir hoffen. Vergeblich.

 

Schließlich fordert ein Fan zynisch das spanische Tiki-Taka. Aufmunternde, verzweifelte, verärgerte Schreie, der Schiedsrichter pfeift ab. Als die Spieler klatschend näherschreiten, drehen sie ab. Einige haben dann ihrem Ärger Luft gemacht. Kapitän Grünwald stellt sich dennoch. Kurze harsche Worte, dann trennen sich beide Seiten ebenso zackig, wie ihre Worte waren.

 

Als wir zur Straßenbahn schleichen, sehnen wir uns nach unserem FCW zurück. Doch in unserem Wunsch, das müssen wir uns eingestehen, sind wir nicht anders als Hansi Müllers Überbleibsel. Als wir in der U-Bahn sitzen und ich in alten Zeiten schwelge, muss ich an mein schönstes Erlebnis mit Wacker Innsbruck denken. Der Aufstieg in Pasching 2010. So bleiben nicht nur versöhnlichen Gedanken, man erkennt auch, warum manche 25 Jahre danach wegen Hansi Müller auf schwarz-grüne Beine blicken. Im Herbst werde ich wieder am Grashügel stehen, sollte Wacker auch da sein.