Eine Runde als Chance

Von Jonas Achorner

Das Los hat entschieden. Die Gegner der österreichischen Bundesligavereine in der Qualifikation für den europäischen Bewerb sind gezogen. Formell brachte es kein Glück. Die Gegner sind stark, teilweise wohl zu stark. Dennoch: Wächst man nicht an seinen Aufgaben? Für Österreichs Clubfußball ist diese Qualifikation eine Chance. Die Liga könnte sich weiter in Europa etablieren.

 

„Oh. Mein. Gott“ schrieb der Wolfsberger AC nach der Auslosung für die dritte Qualifikationsrunde in der Europa League auf Twitter. Spielte der WAC noch in der zweiten Runde gegen Schachtjor Soligorsk in der isolierten weißrussischen Diktatur könnte nun der Ruhrpott folgen. Dem Verein aus dem Lavanthal winkt nämlich in der dritten Runde der Europa League Qualifikation ein Spiel gegen den achtmaligen deutschen Fußballmeister Borussia Dortmund. Zwar hat Soligorsk in der 2.Runde der Europa League Qualifikation auch mit schwarz-gelben Dressen gespielt, fußballerisch unterscheiden die beiden jedoch Welten.

 

Bevor man sich aber im Wörtherseestadion mit dem BVB messen darf, muss der Vorsprung des 1:0 Auswärtssieges im Rückspiel verteidigt werden. Eine Selbstverständlichkeit, ist man versucht zu sagen. Denn das österreichische Selbstvertrauen im Fußball ist gestärkt. Nicht nur, dass die österreichische Nationalmannschaft das Allzeithoch des 15. Platzes in der Nationenwertung erreicht hat. Seit Jahren nehmen einer oder mehrere Clubs an der Gruppenphase der Europa League teil.

 

In der Saison 2008/2009 war dies noch ganz anders. Rapid schied in der Champions League Qualifikation in der 2. Runde in Zypern aus. Salzburg unterlag dem FC Sevilla in der UEFA-Cup Qualifikation. Unglücklich verlor auch Sturm Graz im Elfmeterschießen gegen den FC Zürich. Schließlich schied auch die Wiener Austria als letzter Vertreter in der Verlängerung gegen Lech Posen aus. Keine österreichische Mannschaft schaffte es in den europäischen Wettbewerb. Ein gewisser Robert Lewandowski erzielte für Lech Posen ein Tor. Ähnlich wie Lewandowskis Aufstieg zum bajuwarischen Spitzenstürmer, erhob sich der österreichische Clubfußball, - zumindest ein bisschen – danach wie ein Phönix aus der Asche. Eine Saison später konnten sich gleich vier Mannschaften für die neue Europa League qualifizieren.

 

Ein Aufstieg. Ein Schleichender

 

Sicherlich. In der europäischen Clubhistorie gab es größere, österreichische Zeiten. Austria Salzburg im UEFA-Cup-Finale oder Sturm Graz in der Champions League sind nur zwei Höhepunkte der jüngsten österreichischen Fußballgeschichte. Dennoch verändert sich der Clubfußball in der Alpenrepublik nach mehreren schwachen Jahren vor der Heimeuropameisterschaft wieder positiv.

 

Dabei profitierte Österreich von der Abänderung des Qualifikations- und Spielmodus im UEFA-Cup. Nicht nur die Umstellung in der Qualifikationsregeln für die Champions League, sodass unterlegene Mannschaften der Champions League-Qualifikation in die Europa League bzw. deren Qualifikation umsteigen dürfen, auch die Eingliederung des UI-Cup in die Europa League hatte für Österreich positive Auswirkungen. So waren statt vierzig im UEFA-Cup, 48 Mannschaften in der Europa League vertreten.

 

Vielmehr jedoch verbesserte die vermehrte Förderung der Jugend die spielerische und personelle Qualität im österreichischen Clubfußball. Teilweise hat die Liga die verbesserte Qualität, man muss es zugeben, auch Red Bull zu verdanken. Der Fortschritt zeigt sich in den Ergebnissen in Europa, er zeigt sich aber vor allem in den Transferexporte der Bundesliga. Das ist sicher auch auf die Jugendförderung des ÖFB zurückzuführen. So dann, alles positiv?

 

Naja. Nüchtern betrachtet ist die österreichische Bundesliga selten über die Gruppenphase der Euro-League hinausgekommen. Salzburg scheiterte vor zwei Saisonen im Achtelfinale an Basel. Charkiw und Villareal hießen die Endstationen im Sechszehntelfinale 2013 und letztes Jahr. Seit 2005 konnte nur die Austria in die Champions League einziehen. Nicht nur finanziell, sondern vor allem fußballerisch liegen zwischen der „ersten Klasse“ Champions League und der Europa League Welten.

 

Österreich zwischen zwei Welten

 

In der UEFA-Fünfjahreswertung, welche die europäischen Ligen nach ihren Ergebnissen im europäischen Wettbewerb reiht und aktuell entscheidungsgebend ist, wie viele Mannschaften sich für welchen europäischen Bewerb qualifizieren können, befindet sich Österreich auf dem 16.Platz. Im Rennen um einen fünften Qualifikationsstartplatz, der ab dem 15.Platz möglich ist, sind die Gegner Zypern, Rumänien, Kroatien oder Griechenland. Drei Plätze davor, ab der dreizehnten Stelle, würde Österreich sogar einen Fixplatz in der Champions League erhalten.

An dieser Position ist im Moment Tschechien. Der nördliche Nachbar spielt in einer Kategorie mit der Schweiz, der Türkei und den Niederlanden. Für Österreich muss es das Ziel sein zu jenen Ligen aufzuschließen. Die diesjährige Qualifikationsrunde könnte ein Gradmesser dafür sein.

Mit Ajax Amsterdam trifft nämlich Rapid auf eine Mannschaft aus genau diesem Kreis. Ein schwieriger Gegner, der symbolhaft für die notwendige Entwicklung Österreichs ist. Seit Jahrzehnten ist Ajax eine Ausbildungsstätte. Die goldenen Zeiten der Amsterdamer sind vorüber, als Talenteschmiede bedienen sich jedoch führende europäische Vereine an ihren Jugendspielern. Ajax zeigt den Weg, den die österreichischen Mannschaften gehen müssen. Als Ausbildungsliga kann die österreichische Bundesliga punkten. In der Fünfjahreswertung und Europa. Aber auch die Schweiz, mit Basel oder die tschechische Liga mit beispielsweise Viktoria Pilsen zeigen den Weg, welchen Österreich gehen kann. Gehen muss.


Die Anzeichen erkennt auch Red Bull Salzburg, das vor zwei Saisonen Amsterdam im Sechzehntelfinale schlug. Mit der Beförderung von Peter Zeidler zum Cheftrainer wird die Mozartstadt endgültig die Ausbildungsstätte für zukünftige Leipziger. Zeidler steht für Nachwuchsarbeit. Er arbeitete zuvor beim Red Bull-Farmteam in Liefering und war Co-Trainer von Rangnick in Hoffenheim. In der zweiten französischen Liga trainierte er über ein Jahr den FC Tours. Die Zeiten in denen Red Bull alte Stars kaufte, sind schon seit Moniz oder Schmidt endgültig vorbei. Salzburg setzt schon seit Jahren auf Spieler mit Zukunft. Doch Zeidler ist ein weiterer Schritt in Richtung eines Ausbildungsvereines. Man möchte Spieler entwickeln. Das wird auch an den einzelnen Transfers ersichtlich, wie das Talent Dayot Upamecano oder Reinhold Yabo vom KSC, der wohl eine ähnliche Entwicklung wie Kevin Kampl nehmen soll.


Mit Malmö trifft Salzburg in der Qualifikation auf einen alten Bekannten. Ist es doch ironischerweise jener Verein der letztes Jahr die Champions League-Träume der Mozartstädter beendete. Ein unangenehmer Gegner, der nach sechzehn Runden jedoch nur Fünfter in der schwedischen Tabelle ist. Jedoch ist die Pflichtspielpraxis ein Vorteil für Malmö FF. Schweden befindet sich in der Fünfjahreswertung der UEFA zurzeit an 21. Stelle. Zwar sind Zahlen besonders im Fußball nicht per se aussagekräftig, jedoch sind diese Spiele besonders interessant.


Österreichs Clubfußball am Scheideweg?


Aus Sicht des österreichischen Clubfußballs wäre es wichtig, würde Salzburg Malmö schlagen. Das Spiel von Rapid wird zeigen, wie weit der österreichische Clubfußball entfernt ist von der niederländischen Eredevise. Natürlich sind dies Momentaufnahmen, doch würde ein Ausscheiden oder Umstieg in die Europa League aller österreichischer Vertreter, die zukünftige Entwicklung beeinträchtigen. Nicht nur in der Fünfjahreswertung wäre dies ein Rückschritt, auch hinsichtlich von Transfers, der spielerischen Qualität wäre es ein kleines Schreckenszenario.


Sollte aber Sturm gegen den russischen Vertreter aus Kasan, Altach gegen die Portugiesen aus Vitoria Guimaraes oder Rapid eine Überraschung gelingen, hätte dies überaus positive Auswirkungen. Es könnte den österreichischen Clubfußball innereuropäisch stärken. Die österreichischen Mannschaften haben mit dieser Qualifikation eine Chance. Sie können den Abstand zur vorderen Ligen verkürzen, sich in kleinen Schritten nähern. Zwar gelten alle bis auf Salzburg als Außenseiter. Jedoch: Wächst man nicht an seinen Aufgaben?