Ein Trainer, ein Weg, einmalig?

In einer prekären Tabellensituation setzt die TSG 1899 Hoffenheim auf den jüngsten Cheftrainer in der Bundesliga-Geschichte. Julian Nagelsmann soll früher als geplant die Kohlen aus dem Feuer holen, an die Huub Stevens nicht herangekommen war. Ein Erklärungsversuch, warum die Lösung Nagelsmann zwar jung aber nicht neu ist und die TSG auf einen längst verlassenen Weg zurückbringen kann.

Wohin geht der Weg für die TSG 1899 Hoffenheim mit "Baby-Mourinho" Julian Nagelsmann? (Bild: Fotomontage)

von David Eder

Eugen Polanski und Pirmin Schwegler haben viel gemeinsam. Beide spielen für die TSG 1899 Hoffenheim, beide im zentralen Mittelfeld. Beide verfügen über reichlich Erfahrung, sind Führungsspieler. Seit wenigen Tagen teilen sie noch etwas: Sie sind älter als ihr Trainer. Das liegt jedoch weniger an den beiden Endzwanzigern Polanski und Schwegler als vielmehr am neuen Mann auf der Trainerbank, Julian Nagelsmann. Er gilt als eines der Trainertalente in Deutschland, fußballverrückt, akribisch, motiviert - und jung. Mit 28 Jahren ist er der jüngste, nicht interimistisch engagierte - sprich fixe Cheftrainer in der Bundesligageschichte.

 

Zur Einordnung: Der zweitjüngste Chefcoach nach der Jahrtausendwende war Matthias Sammer bei Borussia Dortmund. Als der jetzige Bayern-Sportdirektor im August 2000 das schwarz-gelbe Zepter übernehmen durfte, war er mit 32 Jahren ganze vier Jahre älter als Nagelsmann jetzt. Der wesentliche Unterschied: Sammer hatte erst zwei Jahre zuvor seine aktive Laufbahn beendet, sein Erfahrungsschatz als Trainer war nicht über zwei Monate als Co an der Seite von Udo Lattek hinausgegangen, ehe er hauptverantwortlich agierten sollte. Nicht so Nagelsmann. „Er ist zwar ein junger Mann, aber kein junger Trainer mehr“, wurde Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen bei dessen Vorstellung nicht müde zu betonen. Tatsächlich steht Nagelsmann seit fast zehn Jahren an der Seitenlinie, nachdem er bereits mit 20 seine Fußballerkarriere aufgrund eines Knorpelschadens im Knie bei der zweiten Mannschaft des FC Augsburg beenden musste. 

 

Tuchel Reloaded

 

In der Nachwuchsabteilung der Schwaben wurde Nagelsmanns Laufbahn initiiert. Sein letzter Trainer vor seinem frühen Karriereende war ein gewisser Thomas Tuchel. Knapp ein Jahrzehnt später drängt es sich nahezu auf die beiden zu vergleichen oder Nagelsmann gar als Tuchel Reloaded zu betrachten. Vor allem die Rhetorik erinnert stark an den jetzigen BVB-Coach. „Ich habe die Spieler darauf hingewiesen, dass es um Leistung geht, weniger um die Situation. Die ist so, wie sie ist“, erklärte Nagelsmann bei seiner Präsentation. Es gehe ihm darum, über den fußballerischen Inhalt zu sprechen und diesen zu trainieren, dann werde sich über kurz oder lang auch etwas an der Situation ändern. Er bedient die Metaebene, spricht über die Unterscheidung von Inhalt und Situation und nicht von Offensive und Defensive oder Stabilität und Chancenkreation, wie es viele Trainer vor ihm - besonders der eine vor ihm, Huub Stevens, der seinen Job aufgrund gesundheitlicher Probleme aufgeben musste - getan haben.

 

Als Nagelsmann auf seinen einst von Tim Wiese verliehenen Spitznamen „Baby-Mourinho“ angesprochen wird, zerpflückt er die Anspielung gekonnt und nimmt ihr jeden Unterhaltungswert. „Ich kenne Mourinho nicht persönlich und vom Baby bin ich glaube ich relativ weit weg, das sehe ich an meinem Kleinen - da ist schon ein großer Unterschied zwischen mir und meinem Sohn.“ Er lächelt, strahlt Ruhe aus, antwortet sachlich bei seinem ersten, ohne Frage gelungenen Medienauftritt. Dass seine angekündigten Ideen funktionieren können, zeigte sich in Ansätzen nach nur zwei Trainingstagen beim Auswärtsspiel in Bremen - und das, obwohl diese Ideen noch niemand so genau kennt. Nach dem Debüt im Weserstadion wollte er nur verraten, dass er nicht zu viel verraten wolle. Hoffenheim agierte mit mehr Eigeninitiative als in den vergangenen Spielen unter Stevens.

 

Mit Bicakcic, Schär und Süle standen drei Innenverteidiger auf dem Feld, der junge Philipp Ochs und Kevin Volland ungewöhnlicherweise auf Außen. Eugen Polanski war als einziger Spieler im Kader älter als der Trainer, er wurde spät eingewechselt. Dass Kevin Kuranyi nur ein Platz auf der Tribüne blieb, sei weder eine Frage des Alters, noch eine grundsätzliche Entscheidung. „Man muss im Trainerteam abstimmen, welche Art von Spieler auf den Gegner passen“, kommentierte Nagelsmann. Der 1:1-Endstand ist zwar differenziert zu betrachten, einerseits weil Bremen die größeren Torchancen vorfand und andererseits, weil die ersten Spiele unter einem neuen Trainer selten Aufschluss über den mittelfristigen Trend einer Mannschaft geben. Dennoch: Das Spiel der TSG war inhaltlich wesentlich stärker daran orientiert, wofür der Kader prädestiniert ist, nämlich temporeichen, variablen und konstruktiver Offensivfußball anstatt kollektiver Einigelung und Destruktivität.

  

„Ein Team, ein Weg, einmalig“

 

Vor der vergangenen Saison hat sich die TSG Hoffenheim diesen Leitspruch auf die Fahnen geschrieben, nachdem die Einmaligkeit mehr und mehr zum Suchobjekt geworden war. Nachdem Markus Gisdol die TSG 2013 - übrigens mit Co-Trainer Nagelsmann - vor dem Abstieg bewahrte, wurde deutlich, dass der angestrebte Weg in Sinsheim eigentlich ein anderer war. In den ersten Jahren im Profifußball hatte Hoffenheim für Furore gesorgt, besonders nach dem Bundesliga-Aufstieg 2008 und einer furiosen Hinrunde schienen dem sportlichen Aufstieg keine Grenzen gesetzt. Die Zielsetzung „internationales Geschäft“ wurde von Verein und Öffentlichkeit konzertiert abgenickt ehe man sukzessive feststellen musste, dass die Champions-League-Hymne in Sinsheim doch nur aus der Ferne tönt.

 

Den siebenten Tabellenplatz am Ende der Aufstiegs-Saison konnte die TSG bis dato nicht wiederholen, der Trainerverschleiß - um die Namen Rangnick, Pezzaiouli, Stanislawski, Babbel, Kramer, Kurz und Gisdol - ist im Profigeschäft alles andere als einmalig. Der momentan siebenthöchste Kaderwert der Liga steht in merklicher Diskrepanz zu Tabellenplatz 17 mit fünf Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz. Für die meisten Vereine ein Wink mit dem Zaunpfahl, einen Feuerwehrmann zu holen, der die Mannschaft zum Klassenerhalt krampft. Ebendas hat 1899 schon nach dem 10. Spieltag getan, als der Tabellenplatz der gleiche war wie aktuell, der Abstand auf den Relegationsplatz allerdings nur einen Zähler betragen hatte.

 

Dass Huub Stevens seine Rettungsmission vorzeitig beenden musste, kann - bei allem Respekt und mit besten Genesungswünschen - sportlich den nötigen Aufwind bescheren, Joker Nagelsmann in der Hauptrolle: „Ich habe mich dafür entschieden es zu machen, weil ich sehr sehr überzeugt bin, dass wir besser Fußball spielen können und wir es mit der Mannschaft schaffen können die Klasse zu halten.“ Punkt eins scheint unstrittig, Punkt zwei die wahrscheinlicher gewordene Konsequenz. Dass Julian Nagelsmann spätestens ab Sommer ohnehin den Posten des Cheftrainers übernommen hätte, testiert das Vertrauen in seine Person. Ob sich die Mannschaft unter Stevens erfolgreicher in Richtung Klassenerhalt gekrampft hätte als sie ihn sich unter Nagelsmann erspielt, ist gleichermaßen nicht zu beantworten wie fraglich.

 

Nail it, or fail it

  

Die TSG „nailed it“ indem sie in einer prekären Situation auf den jüngsten Bundesliga-Cheftrainer in der Geschichte setzt. Ein „Fail“, also ein Scheitern, kann den Verein nur noch in der kurzfristigen, sportlichen Realität in Form des Abstiegs ereilen. Perspektivisch hat Hoffenheim - sofern die vermeintliche Langzeitlösung Nagelsmann hält - genau genommen aufgehört zu scheitern. Nach Jahren verschiedenster Sicherheitsvarianten auf der Trainerbank und wenig Einmaligkeit weil Kurzlebigkeit kann Julian Nagelsmann das Revival-Gesicht für den vor Jahren eingeschlagenen Weg sein. Sein Alter spielt in der öffentlichen Wahrnehmung möglicherweise eine andere Rolle als intern. Während die Mystifizierung der Zahl 28 und die Skepsis aufgrund befürchteter Unerfahrenheit überwiegt, kann die altersbedingte Nähe zu den Spielern Nährboden für den Beginn einer Entwicklung sein.

 

Mit Spielern wie Süle, Toljan, Amiri oder Ochs verfügt die Mannschaft über reichlich Entwicklungspotenzial. Selbst Kevin Volland und Sebastian Rudy sind mit 23 und 25 Jahren längst nicht an ihrem Zenit angekommen. 2014 holten die A-Junioren der TSG die deutsche Meisterschaft, 2015 unterlagen sie erst im Finale Schalke 04. Wer in beiden Jahren Trainer der Mannschaften war? Julian Nagelsmann. Einerseits bedeutet das, dass Nagelsmann die Kommunikation mit jungen Spielern äußerst gut gelingen zu scheint, andererseits darf man in Sinsheim auf eine Fülle an Talenten mit Profiperspektive aus dem eigenen Nachwuchs hoffen. Was „nailed it“ bedeutet, weiß diese Generation bestens. Sollte es in absehbarer Zeit der ganze Kraichgau verstehen, könnte es vielleicht sogar einmalig werden.