Die Stunde des Kritikers

von Michael Hammerl

Was sich Freitagnacht in Paris abspielte, war kein Moment des Sports. Es war ein Moment des Hasses, den Sportjournalisten in der ARD moderieren mussten. Beginnen wir mit etwas Kritik.

 

Der Fußball hat Blut an seinem Rund. Die letzten Jahre haben das deutlicher gemacht, als wir es wahrhaben wollten. Von „Säuberungsaktionen“ in den brasilianischen Favelas. Übersetzt: Straßenkinder wurden weggesperrt, damit WM-Besucher ihre Geldbörse in der Arschtasche tragen konnten. Bis zur „Arbeitsmigration“ nach Katar. Übersetzt: Menschen aus Nepal, Pakistan und Indien sterben zu Tausenden, weil es einer Handvoll Diktatoren völlig egal ist, unter welchen Arbeitsbedingungen in ihrem Land Stadien gebaut werden. Hauptsache billig.

 

Der Fußball, die FIFA, die Gazprom-UEFA, sie alle tragen wenig dazu bei, dass die Welt friedlicher wird. Daran ändern auch Anti-Rassismus-Spots nichts, in denen verschiedenfarbige Gesichter von superreichen Fußballspielern mitleidsvoll in die Kamera starren. Natürlich kann ein Spiel, das von vielen Völkern geliebt wird, Völker verbinden und Brücken bauen. Irgendwo stößt der Fußball allerdings an seine Grenzen. Er erreicht einen Punkt, an dem es auch eingefleischte Fans absurd finden, dass 22 Kerle einem Ball nachhecheln.

 

Kritisieren wir weiter.

 

Als ARD-Kommentator Tom Bartels sagte: „Ich fühl mich jetzt mitten wie in einem Alptraum“, zeigte er, in was für einer kleinbürgerlichen, wohlstandsverlotterten und bedeutungslosen Welt wir uns eigentlich bewegen. Vor allem dann, wenn wir Fußball schauen. Als Fans, die jede Woche ins Pub gehen und ein paar Typen die Daumen drücken, die das Glück hatten, mit den richtigen Beinen geboren zu werden.

 

Was war passiert? November, Freitag der 13., 132 Tote bei Terroranschlägen in Paris. Mindestens neun IS-Kämpfer sollen dafür verantwortlich sein. „This world is fucked up right now“, teilte DFB-Nationalspieler Mats Hummels seine Erkenntnis auf Twitter, während sich Toni Kroos noch immer die Frage stellte: „Was ist das für eine kranke Welt?“

 

Der Islamische Staat feiert, Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand, Europa gerät in Panik. Der Schrecken tödlicher Stunden wird mit solidarischen Liebesbekundungen gelöscht. Die Farben der französischen Nationalflagge hinterlegen halb Facebook. „PrayforParis“: Eine Bewegung, die nichts sagt, außer: Haben wir uns lieb, dann wird es wieder besser. Positiv betrachtet: Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Ein Attentäter in Sprengstoff-Weste schaffte es – bon vent! – nicht ins Stade de France, wo 80.000 Zuseher das Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland sahen. Der Terrorist detonierte vor dem Stadion. Eine Massenpanik im Pariser Sporttempel hätte alles andere noch einmal in den Schatten gestellt.

Der Fußball-Zuseher hört zwei Explosionen. Die erste in Minute 17, die zweite in Minute 20. Jeder dachte an Böller. Weiter ging’s. Auf Twitter wütete ein aufgebrachter Mob über ARD-Kommentator Tom Bartels: „Schlechter als das Spiel ist nur Tom Bartels.“ Als Bartels den Zusehern eröffnete, was sich außerhalb des Stadions abspielte, holte die Realität den Großteil der Twitter-Schickeria vom Ross des hohlen Medienkritikers: „Ganz groß von Tom Bartels wie er mit dieser unfassbar schrecklichen Situation umgeht und durch das Spiel führt.“ Ein paar schimpften trotzdem weiter: „Das ist unfassbar schlecht von der ARD“, oder: „#tombartels Was für selten dämliche Kommentare sind das denn?!?“ Ein Abbruch der Spielübertragung wurde gewünscht. Manche forderten sogar den totalen Spielabbruch, bemerkten dann aber, dass dieses Vorgehen die Besucher nicht wirklich beruhigt hätte.

 

Grotesk, doch es gibt tatsächlich Menschen, die zum Zeitpunkt einer Katastrophe keine andere Beschäftigung haben, als Journalisten zu kritisieren. Während CNN einen Sicherheitsexperten interviewte, nutzte die ARD die Zeit zur tiefer gehenden Recherche. Das passte nicht jedem. Der Österreichische Rundfunk ORF wurde gar der Geschmacklosigkeit beschuldigt, weil ORF2 zum Zeitpunkt der Explosion eine Dokumentation über den „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. zeigte. Was hätten die Menschen lieber gesehen? Einen Livestream aus dem Bataclan? Die geistig niedrigen Wellen der „sozial“-medialen Empörungskultur zeigen, dass es verrücktere Dinge gibt, als ein Fußballspiel anzusehen, während ringsum die Welt brennt. Zum Beispiel auf Menschen herumzuhacken, die Zeit brauchen, um wirre Ereignisse in einen chronologischen und seriösen Rahmen zu pressen.

 

 Enden wir mit etwas Kritik.

 

Die Nacht von Freitag auf Samstag wurde von manchen Individuen dazu missbraucht, ihren Hass auf den Fußball, Sportjournalisten und die Kultur der nachhaltigen Recherche auszuleben. Ja, der Fußball hat Blut an seinem Rund und gesellschaftlich einen viel zu hohen Stellenwert. Ja, es gibt bessere Kriegsberichterstatter als Matthias Opdenhövel. Aber selbst er, selbst Mehmet Scholl und vor allem Tom Bartels haben alles richtig gemacht. Sie haben ihre Aussagen in den Kontext einer schrecklichen Nacht gerückt und der ARD Zeit verschafft, zu recherchieren. Sie sind Helden, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren und plötzlich eine Zielgruppe bedienen mussten, für die Fußball nicht einmal eine schöne Nebensache ist. Bartels: „Eine perverse Situation. Ich war überfordert.“ Das glaubt man ihm.

 

Und sind wir uns ehrlich: Das war wirklich kein Abend für Medienkritik.