Die Generation "Selke"

von David Eder

Ich mag den 1. April nicht. Lustig war er einzig als Kind: Die Eltern zu veräppeln ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, das hatte schon seinen Reiz. Bald wurde der oktroyierte Spaßtag müßig, irgendeiner musste es zudem immer übertreiben. An einen übereifrigen Spaßvogel habe ich zugegebenermaßen auch in diesem Jahr geglaubt, trotz meiner Abneigung gegenüber besagtem Tag. Dass aber gleich eine ganze Spaßvogelkolonie mit dem selben Scherz aufwartete, war mir suspekt. Spätestens am 2. April war mir klar, dass Davie Selke tatsächlich nach Leipzig wechseln würde. 

 

Gut 360 Kilometer sind es vom Weserstadion bis zur Red Bull Arena - ein Weg, den die Bremer Fans ungern akzeptieren. Der Weg führt nicht nur auf der Straße hinaus aus der beschaulichen Hansestadt, er führt in eine Richtung, die vielen Fankurven ganz und gar nicht genehm ist. Gegen Tradition und für das Geld, Vereinstreue und Loyalität als vermeintliche Fremdwörter - das sagt die Unterschrift Selkes dieser Tage für den grün-weißen Pulk aus. Vor allem für jene mit den Fahnen und Schals, jene mit heiserer Stimme am Tag nach dem Spiel, jene, die Leidenschaft und Emotion zum wochenendlichen Credo machen, wenn sie ihre Mannschaft - auch Selke - anfeuern und feiern.

 

Dass ein 20-Jähriger, der den Start in eine erfolgreiche Fußballerkarriere gerade erst hingelegt zu haben scheint, diesem Umfeld den Rücken kehrt, stößt viele Anhänger vor den Kopf. Gar eine Liga  nach unten zu gehen, ist auf den Rängen noch schwerer zu verstehen. Ohnehin ist so einiges nur bedingt verständlich für die Vielzahl an Menschen, die sich außerhalb der Sphären des professionellen Fußballs bewegen. Dazu gehört auch die Ablösesumme von acht Millionen Euro, die für einen jungen Spieler, dessen Leistungsvermögen noch längst nicht ausgereift und dessen Zenit undefiniert ist, von Ost nach Nordwest fließt. Für Neugier am künftigen Jahressalär Selkes sind die Wunden in Bremen denkbar zu frisch. Ob sich die Pro- und Contra-Liste des deutschen U-20-Nationalkickers für seine Wechselentscheidung auf Scheine und Dosenpfand reduzieren lässt, wissen aber höchsten jene, die ihm nahe stehen. Das prioritäre Argument nach außen war die langfristige Perspektive und Teil des Projekts RB Leipzig zu sein.

 

Die Befürchtung, der Fall Davie Selke könnte Schule machen, schwebt nun über den Köpfen all jener Vereine, die ebenfalls hochbegabte Jungkicker in ihren Reihen haben. Mit Sicherheit ist Selke nicht der einzige und letzte seines Schlags, wenn nicht seiner Generation - einer Generation, in der Vereinstreue und Ablehnung von schier unmoralischen Angeboten nicht zwingend als Motto den Kabinenspind zieren. Natürlich sind schon viele Talente den Verlockungen größerer, besser entlohnender Vereine gefolgt, dieses Prozedere ist fast so alt wie der Fußball selbst. Bisher jedoch kannte man seine Nachbarn. Man wusste, wer in der Hackordnung des nationalen und internationalen Geschäfts höher einzuordnen war und potenziell die heißen Eisen auf seine Seite des Feuers holen konnte. Dass Selke fortan also Rasenballsport und nicht mehr Fußball spielt, dass er zu einem Verein wechselt, der den Beweis als sportlich bessere Alternative zum abgebenden Verein erst noch antreten muss, erachten nicht wenige Kurvenbewohner als Gefahr für den geliebten Sport mit ursprünglicher Namensgebung.

 

Nach der Enttäuschung über den sich verabschiedenden Spieler ist bei den Anhängern das Feindbild schnell gefunden, nämlich die Filiale eines Getränke-Imperiums, die durch mäzenatische Finanzkraft am Weg ins Oberhaus das Personal anderer Vereine in seinem Sog mitzieht auf ihrem Weg vorbei an den Abgebenden. Unverständnis herrscht über die Leipziger „Fanszene“, die für viele keine ist, weil ein Verein ohne Historie und Prägung gar keine richtigen Fans haben könne. Unstrittig ist, dass ihr Gesang einem Spielerkonstrukt gewidmet ist, das partiell auch die monetären Vorzüge des Bullen-Daseins zu schätzen weiß, ganz abgesehen von Perspektiven und der spannenden Mitarbeit am Langzeitprojekt „RB“. Darf das aber Anlass sein, um Red Bull unisono die Zerstörung des Fußballs zu unterstellen?

 

Falsch wäre es jedenfalls zu behaupten, Red Bull schade der Qualität des Fußballs an sich. Sowohl in Leipzig als auch in Salzburg gibt es eine klare Spielidee. Die Philosophie des frühen Gegenpressing, dem sprintintensiven, überfallsartigen Offensivfußball mit dem Ziel, nach Ballgewinn schnellstmöglich zum Torabschluss zu kommen, prägt die Teams von den Profis über die Akademie hinweg bis zu den Allerjüngsten. Vor allem in Österreich ist der qualitative Unterschied zwischen dem Red Bull-Aliquot aus Salzburg und dem Rest der Liga augenscheinlich. Ja, auch weil man in Salzburg monetär in anderen Bahnen kreist. Und ja, auch weil man sich um hervorstechende Spieler anderer Klubs zumeist erfolgreich bemüht. Dennoch ist die Unterstellung in seinem polemischen Generaltenor nicht zulässig. Der Kern des Zorns liegt an der scheinbaren Machtlosigkeit, einem geldgedopten Verein im Tagesgeschäft den Vortritt lassen zu müssen. In den Augen der Supporter selbstdeklarierter Traditionsvereine gibt es keine rationale Berechtigung, plötzlich von einem schnelleren Pferd überholt und umrundet zu werden, das bis vor kurzem noch nicht einmal im Blickfeld war. Fällt dieser Vorgang zum Nachteil etablierter, mit großer Anhängerschaft aber kleinem Geldtopf bestückter Vereine aus - und das wird im Leipziger Erfolgsfall nach und nach geschehen - ist die Angst um die eigene Existenz und der Zorn auf Red Bull nur zu verständlich.

 

Verstärkt wird diese gefühlt unfassbare Ungerechtigkeit vom Verlust eigener Spieler an genau diesen Rennstall. Ein Rennstall, der im Übrigen gedenken soll, auch im englischen Fußball aufzuschlagen. Die aktuelle Konkretion dieser Pläne kennt wie die Pro- und Contra-Listen möglicher künftiger Spieler niemand so genau. Fest steht, dass es im Falle einer Red Bull-Filiale im Mutterland des Fußballs auch Spieler geben wird, welche die, wie es erklärt werden wird, langfristige Perspektive sehr schätzen würden - mehr als die Tradition des abgebenden Vereins. Die Konterkarikatur des vorherrschenden Mäzenaten- und Investorentums hat man auf der Insel aber ohnehin längst ins Reich der Fabeln verwiesen, zu gängig ist das Modell im Top-Segment des englischen Fußballs. Im Sinne traditionalistischer Anhänger und deren traditionsreicher Vereine bleibt lediglich auf eine gemäßigte Quantität an Spielern einer drohenden Dosen-Generation, einer im eventuell britischen Pendant „Caneration“, wenn man so will, zu hoffen.