Rote Teufel, schwarze Zahlen

von Michael Hammerl

Konkursantrag Nummer vier brach der Fußballsektion GAK im Oktober 2012 das Genick. Als juristische Person ist der Traditionsverein Geschichte. Doch es gibt einen würdigen Nachfolger


In der österreichischen Fußballhistorie nehmen Zoltán Fülöp, Dalibor Dragic, Anton Köszegi nur eine untergeordnete Rolle ein. Doch ohne sie hätte die Bundesliga-Saison 2003/04 anders verlaufen können. Alle drei spielten für den SV Mattersburg, als sie am 15. Mai 2004 indirekt die österreichische Meisterschaft entschieden.

 

Denn zwischen dem SV Mattersburg und der Wiener Austria hieß es am Ende des Spieltags 4:1. Die Torschützen für die Burgenländer: Fülöp, Dragic, zweimal Köszegi. Parallel ertönt im Arnold-Schwarzenegger Stadion in Graz der Schlusspfiff. Über 15.000 Zuschauer sind Zeugen einer Premiere. Auch wenn sich der Grazer Athletik Klub soeben zu einem 1-1 gegen den FC Pasching gequält hat, steht die Arena Kopf. Man liegt vier Punkte vor der Austria und nur noch ein Spieltag ist ausstehend. Die „roten Teufel“ sind Meister.

 

Der Gewinn der ersten Schale ist verdient. Walter Schachner macht sich zur Trainerlegende und der latent pummelige Roland Kollmann wird Torschützenkönig. Doch weder Fans, noch Spieler ahnen, dass die erste Schale auch die letzte bleiben wird. Der größte Erfolg der Vereinsgeschichte wird teuer bezahlt. Ein Geschwür aus Misswirtschaft und Korruption durchzieht den gesamten Klub. 15,5 Millionen Euro Schulden werden den GAK später in Raten vernichten.

 

Chronologie eines Untergangs

 

Der Zwangsausgleich ist in Österreich ein probates Mittel, um eine Insolvenz abzuwenden. Der Gläubiger erhält nur einen Teilbetrag. So kann das Unternehmen überleben. Dreimal griff der Dauerpatient GAK auf diese Methode zurück, um weiterhin atmen zu können. 2007 war er zum ersten Mal pleite. Gleichzeitig verlor der Verein die Lizenz für die Bundesliga. Eine Zweitliga-Lizenz wurde ebenso nicht bewilligt, weshalb sich der Klub drei Jahre nach dem Double-Gewinn in der Regionalliga Mitte wiederfand.

 

Auch dort blieb der GAK reformbedürftig und knapp bei Kasse. 2008 folgte ein zweiter Konkursantrag, der mit einem weiteren Zwangsausgleich abgewendet wurde. Und weil aller schlechten Dinge drei sind, schaffte man 2010 den Ausgleichs-Hattrick. Der GAK war gerettet. Vorerst.

 

Namhafte Trainer wie Peter Stöger oder GAK-Legende Aleš Čeh, brachten den Verein sportlich wieder auf Touren. Zweimal stand man kurz vor dem Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse. 2010 machte den Grazern das Torverhältnis einen Strich durch die Rechnung, 2012 die eigenen Fans. Sie okkupierten in Hartberg noch vor Spielende das Grün. Das Hinspiel hatte 0-0 geendet, zum Zeitpunkt des Platzsturms lag der GAK 3-0 hinten.

 

15 Knallköpfe, die Metallkübel und Knallkörper auf uniformierte Beamten warfen, durften sich später vor Gericht verantworten. Zwei hatten ein derart langes Vorstrafenregister, dass sie ins Gefängnis mussten. Die Ausschreitungen fungierten als traurige Symbolik für einen kaputten Verein, der nach seinem größten sportlichen Erfolg eine historische Negativserie auf sämtlichen Ebenen prolongieren ließ.

Des roten Teufels Abgesang…

 

Die Partie wurde im Sinne von und für Hartberg mit 3-0 strafverifiziert. Dann folgte Konkursantrag Nummer vier. Der GAK lag in den letzten Atemzügen. Verbindlichkeiten von 2,7 Millionen Euro bestanden aus alten Steuerschulden, ausstehenden Löhnen, sowie aktueller, finanzieller Misswirtschaft. Der Ausgleich sollte weder in Hartberg, noch in wirtschaftlicher Hinsicht gelingen. Am 30. Oktober 2012 wurde die 110 Jahre wehrende Fußballsektion des GAK für immer geschlossen.

 

Gegen Hintermänner und die mutmaßlichen Verursacher des wirtschaftlichen Niedergangs – vorzüglich Ex-Präsidenten – ist noch immer nicht prozessiert worden. Für einen Prozess fehlt ein fertiges Gutachten. Nur im Ansatz konnte geklärt werden, wie es zu der hohen Verschuldung gekommen ist. Unter anderem soll es Schwarzgeldzahlungen an Spieler gegeben haben, die sich auf 4,4 Millionen Euro belaufen. Zeugen belasteten die Ex-Präsidenten Rudi Roth und Peter Svetits, der deshalb neun Tage in U-Haft verbrachte.

 

Svetits ist mittlerweile Präsident des Zweitliga-Aufsteigers SK Austria Klagenfurt. Bundesliga-Insidern ist vor allem sein medienaffines Wirken bei der FK Magna Austria Wien im Gedächtnis geblieben. Anfang des neuen Jahrtausends, als Frank Stronach die Liga mit Topstars versorgte, anstatt die österreichische Politik mit denglischer Poesie zu bereichern.

 

…und seine Auferstehung

 

„Wem der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt hat, dem wird eine hübsche Tochter geboren“, dichtete einst ein gewisser Friedrich Schiller. Minimal umgedeutet, lässt sich dieser Spruch auch auf den GAK übertragen. Es gab zwei Projekte, die den Traditionsverein hätten beerben können. Eine Gruppe wollte den FC Gratkorn in „GAK zum Quadrat“ umbenennen, die andere den „Grazer Allgemeiner Club für Fußball GAC“ gründen. Aus dem GAK zum Quadrat wurde aufgrund finanzieller Unstimmigkeiten konsequenter Weise nichts.

 

Der GAC kam jedoch zustande und befindet sich auf einem guten Weg. Mitglieder im Tausenderbereich, Gewinne im Hunderttausenderbereich und eine sportlich bisher konkurrenzlose Mannschaft. Als externes Projekt gegründet, ist der GAC als GAK 1902 seit März 2014 wieder Teil des Stammvereins GAK. Denn 2012 ging nicht der gesamte GAK Pleite, sondern lediglich die Fußballer. Wasserspringer, Basketballer und Tennisspieler kassieren im Schnitt wohl weniger Schwarzgeld.

 

Die Grazer sind seit 2013 bis in die Gebietsliega Steiermark aufgestiegen. Der Sechstligist führt auch typische GAK-Traditionen fort und setzt unter Trainer und Ex-Teamspieler Gernot Plassnegger weiterhin auf seine exzellente Nachwuchsarbeit. Mit dem 19-jährigen Bootsflüchtling Bunabass Ceesay konnte ein hochveranlagtes Talent sogar an den WAC verliehen werden. Das „Flüchtlingskind“, das laut Plassnegger „unbedingt spielen wollte“, kickte gut genug, um es in die zweite Mannschaft der Wolfsberger zu schaffen. Mindestens.

 

Sollten die roten Teufel auch in Zukunft auf rote Zahlen verzichten, liegt eine Rückkehr in den Profifußball mit der stattlichen Fangemeinde im Bereich des Möglichen. Das hängt davon ab, ob der GAK in alte Verhaltensmuster zurückfällt oder nicht.