Apathisch

von Jonas Achorner

Dem Spitzensport wird vieles untergeordnet. Sei es ein Wochenende, ein Fernsehfilm oder doch die Menschenrechte. Die heute beginnenden Europaspiele in Aserbaidschan sind ein klares, weiteres Signal. Die Schwierigkeit Großereignisse zu finanzieren, führt zu bedenklichen Entscheidungen. Was nach einer Rechtfertigung klingt, ist aber eine faule Ausrede.

Die Flammentürme ragen über die Skyline von Baku. Sie sind heute symbolisch für das Olympische Feuer. Symbolisch für den Olympischen Geist. Vom 12. bis zum 28. Juni finden die ersten Europaspiele statt. In einem Land, das durch sein Öl und Gas modern und reich, aber auch korrupt und diktatorisch ist.

 

Die Flammentürme sind ein Hohn für die Demokratie, den Rechtsstaat und wohl am meisten für den Sport. Wenn sie in den aserbaidschanischen Nationalfarben leuchten, strahlt dies weit über die Grenzen des Landes und verdeutlicht: der europäische Spitzensport hat ein moralisches Problem.

 

Über 6000 Athleten werden in 20 Disziplinen ab heute in Baku antreten. Sämtliche Mitglieder des Europäischen Olympischen Komitees (EOK) entsenden Sportler in den Kaukasus. Jeder Verband erhält vom EOK eine Prämie von 50.000 €. Insgesamt werden an die Athleten drei Millionen Euro ausgeschüttet.

 

Wie viel das EOK vom den aserbaidschanischen Veranstalter erhält, ist ungewiss. Das Komitee schweigt dazu. Für die meisten Sportler ist es eine Chance das Limit für die Olympischen Spiele 2016 zu erreichen und die Atmosphäre einer Olympiade nachzuempfinden. Das Ziel der Europaspiele ist es „den Sinn für Europahaftigkeit“ zu stärken. So formulierte es zumindest Patrick Hickey, Initiator des Events und Präsident des Europäischen Olympischen Komitees seit 2003.

 

Seine Idee zu den Europaspiele ist nicht neu. Mit den Asien – und Panamerikanischen Spielen existieren bereits in anderen Kontinenten ähnliche Modelle. Als das EOK 2012 erstmals Europaspiele veranstalten wollte, bewarb sich eine Nation: Aserbaidschan. 38 Mitglieder des EOK stimmten für Baku, acht waren dagegen.

 

Kein Brot aber Spiele

 

Dabei ist deutlich wofür der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev die Europaspiele nutzen wird. Er ließ sich medienwirksam mit der Olympischen Fackel ablichten, den Athleten und Funktionären wird eine verschönerte Stadt präsentiert. Das kostet.

 

Zwischen zwei und sechs Milliarden Euro sollen in die Spiele investiert worden sein. Geld, das dringend benötigt würde. Durch den fallenden Ölpreis sind die Löhne in dem Land stark gesunken, die Währung musste um 30 Prozent abgewertet werden. Der durchschnittliche Lohn liegt in Aserbaidschan bei 390 Euro.

 

Vor dem Event versucht das Regime, das Land zu säubern. Nach den Protesten während des Eurovision Songcontests 2012 haben die Behörden nun vorgesorgt. Einheimischen ist es verboten in der Altstadt von Baku zu fotografieren oder alte Kisten vor den Häusern stehen zu lassen. In Baku müssen alte Autos, die nicht den „städtischen Farben“ entsprechen, während der Europaspiele aus der Stadt gebracht werden. Katastrophal endete der Versuch Wohnhäuser zu renovieren. 16 Menschen starben bei einem Großbrand, der durch die billige, entflammbare Dämmung ausgelöst wurde.

 

Gleichzeitig werden Oppositionelle, Menschrechtsaktivisten und Journalisten gefangen gehalten. Mindestens hundert politische Gefangene befinden sich zurzeit in Haft. Zu ihnen zählt auch die Bürgerrechtlerin Lelya Yunus. Drei Tage nachdem sie in einen Brief an Patrick Hickey die Menschenrechtssituation in Aserbaidschan schilderte, wurde sie am 30. Juli 2014 verhaftet, wie Sport Inside von der ARD berichtet. Hickey hat bis heute nicht offiziell auf dieses Schreiben reagiert.

 

Ebenso in Gefangenschaft ist die Journalistin Khadija Ismayilova. Sie zeigte auf, wie sich der Bekanntenkreis und die Familie von Ilham Aliyev bereichern und entblößte dabei ein Netz aus Korruption. Im Dezember 2014 wurde sie von den Behörden inhaftiert. Der Vorwurf: Sie hätte ihren Ex-Freund beinahe in den Suizid getrieben.

 

Die Sportwelt verschließt die Augen und öffnet die Hände

 

Ein Schreiben von amerikanischen Vertretern der Autorenvereinigung P.E.N. an den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach forderte die Freilassung von Ismayilova. Thomas Bach reagierte nicht. Mit seiner Agenda 2020 hatte er noch eine Reform des IOC gefordert. Gemeinsam mit 70 Mitgliedern des IOC wird er heute bei der Eröffnungsfeier in Baku anwesend sein.

 

Auch bei den notwendigen Bauten für die Europaspiele verdeutlichte sich der Eindruck eines korrumpierten Staates. Eine Firma von Mehriban Alijewa, die Frau des Präsidenten war an den Bauten beteiligt. Der Sohn des Sportministers Arif Rahimov ist CEO des Unternehmens DDLar, welches für die Errichtung des Athletendorfs, der Schwimmhalle, des Parks und die Anlagen für Beachvolleyball und Sandfußball zuständig war. Der Besitzer der Firma ist nicht bekannt. So bleibt vieles wohl unter wenigen. Genehmigt vom Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees und Staatsoberhaupt. Ilham Alijew.

 

In der internationalen Politik ist Aserbaidschan dennoch durchaus anerkannt. 2014 war das Land Vorsitzender des Europarates, welcher sich selbst ironischerweise als „führende Organisation für Menschenrechte“ bezeichnet. Das Land ist Mitglied der UNO und der OSZE. Jene Organisation, welche das Regime aufgefordert hat bis Juli sein Büro in Baku zu verlassen. Ebenso verweigerte Aserbaidschan die Einreise von Amnesty International. Erst nach den Spielen dürften die Menschenrechtsaktivisten in das Land einreisen.

 

Ein einmaliges Ereignis?

 

So umstritten, wie der Veranstalter der Europaspiele ist, so strittig ist auch sein sportlicher Nutzen. Die zwei wichtigsten Verbände für die Spiele, der Leichtathletikverband (IAAF) und der Schwimmverband (FINA) sind gegen die Austragung der Spiele. Sie veranstalten ihre Weltmeisterschaften im Spätsommer. So finden in Baku die Junioren-Schwimmeuropameisterschaften statt, bei den Leichtathleten fehlen die europäischen Hochkaräter.

 

Alternativ zu den Europaspielen findet ab 2018 eine Konkurrenzveranstaltung statt. In Berlin und Glasgow vereinen unter anderem die Turner, Schwimmer und Leichtathleten ihre Europameisterschaften zu den European Sports Championships. Dadurch wird der Terminkalender der Athleten weiter gefüllt. Beide Events werden wohl kaum nebeneinander bestehen können. Dieser Event präsentiert sich aber auch in finanzieller Hinsicht als eine zumindest alternative Idee. Durch die Aufteilung der Kosten auf mehrere Destinationen müssen Events, können Kosten gespart werden.

 

Auch die Europameisterschaft 2020 im Fußball zeigt, dass der Spitzensport auf die geringeren finanziellen Mittel in westlichen Demokratien reagieren muss. Bei der EM werden erstmals die Spiele in verschiedenen europäischen Städten stattfinden. Ein solcher Großevent ist demokratisch kaum mehr legitimierbar. Umso widersinniger erscheint die Idee zu einem Ereignis angelehnt an die Olympischen Spiele, deren Kosten in Demokratien diskutiert und abgelehnt werden.

 

Die Niederlande, Austragungsort für die Europaspiele 2019, zog zwei Tage vor dem Beginn der Europaspiele in Baku ihre Bewerbung zurück. In ihrer Begründung schreiben die Organisatoren: „Es ist unverantwortbar, 57,5 Millionen Euro für diese Veranstaltung auszugeben“. Sie war der einzige Bewerber für 2019.

 

Aber auch die Europameisterschaft 2020 ist kein wirkliches Beispiel. Vier Spiele finden dabei in Baku statt.

 

Deshalb muss sich etwas ändern. Das zeigen wieder einmal die Europaspiele in Baku. Spitzensport hat eine gesellschaftliche Bedeutung. Er erhält aus öffentlichen Geldern finanzielle Unterstützung. Er ist Botschafter für Nationen und Demokratie. Sich hinter einer Fassade aus Unbefangenheit zu verstecken, ist den Schweiß nicht wert, den Fans auf der Couch und Sportler im Stadion lassen.

 

Die mahnenden Worte nach der Vergabe der Leichtathletik und Fußball WM nach Katar, sind ebenso aktuell wie der Korruptionsskandal in der FIFA selbst. Die Lehre für den Spitzensport, müsste sein, dass er sich nicht mehr instrumentalisieren lässt, sei es von Funktionären oder Regimen. Im Moment scheint dies unwahrscheinlich.

 

Man erinnert sich aber an die Worte von Nelson Mandela. Er prägte den Satz: „Sport hat die Macht die Welt zu verändern“. Man kann nur hoffen, dass er es zukünftig zumindest versucht.