Frust in Orange

von Jonas Achorner

Das ungeduldige Klappern der Papppapierrasseln hallt durch das Stadion. Der Lärm türmt sich auf, bis er zur Anspannung verflacht. Ein Pfiff. Holländisches Leiden beginnt. Die niederländische Nationalmannschaft verlor das Spiel gegen Island unglücklich und spielte doch zu schlecht um Glück verdient zu haben. Vor dem Entscheidungsspiel gegen die Türkei in der Qualifikation für die Europameisterschaft, ist der niederländische Stolz angeknackst. Man droht den Zug nach Frankreich zu verpassen. Eine Reportage über eine fußballerische Trauerfeier.


Wer den Bahnhof in Bijlmer verlässt, den erinnern die Einkaufszentren, das IMAX-Kino, die Music Hall an irgendeine Stadt, an irgendein Einkaufsviertel. So brachial, wie dieser Ort einem zum Freizeitvergnügen anspornen soll, so eindruckslos ist er tatsächlich. Nichts zeichnet jenen Ort im Südosten Amsterdams aus, selbst das Stadion von Ajax wirkt von außen wie ein Mall, würde nicht ein riesengroßes Poster mit elf stolzen Herren erklären: Hier wird Fußball gespielt und auch gefeiert.


Ein orangener Zug aus Fans zieht in Richtung des Stadions. Verkleidungen, Hüte oder doch ein Trikot. Die grelle Farbe sticht einem ins Auge. Sie verdeckt vor dem Spiel den Zweifel an der eigenen Nationalmannschaft.



Verloren in Brasilien – das niederländische Erfolgsgen


Noch 2014 spielte die niederländische Nationalmannschaft eine starke Weltmeisterschaft im fernen Brasilien. Doch der damalige Trainer Louis van Gaal reiste nicht ganz mit nach Hause, sondern blieb auf der britischen Insel, um Manchester United zu trainieren, zu führen.

Nicht weniger prominent war zwar sein Nachfolger, doch Guus Hiddink war weitaus weniger erfolgreich. 2002 führte Hiddink Südkorea bei der Heim-WM ins Halbfinale. Das ist jene Weltmeisterschaft, bei der die Niederlande sich das letzte Mal nicht qualifizieren konnten. Dreizehn Jahre später droht den Niederländern wieder die Couch anstatt des Stadionklappsessels.


Denn drei Runden vor Schluss ist Holland noch Dritter in der Gruppe A der Qualifikation für die Europameisterschaft 2016. Das zweitplatzierte Tschechien scheint mit sechs Punkten Vorsprung außer Reichweite. Der dritte Platz würde die Niederländer zu einer Teilnahme am Play-Off für die EM berechtigen. Doch die Türkei liegt nur einen Punkt zurück. Heute trifft man am Bosporus aufeinander. Ein Spiel mit Schicksalscharakter. Auf der Trainerbank sitzt dabei nicht mehr Hiddink, sondern Danny Blind. Seit Juli trainiert dieser die niederländische Nationalmannschaft. Bei seinem Debüt gegen Island blieb er ähnlich erfolglos wie zuvor Hiddink.

Screenshot UEFA.com
Screenshot UEFA.com

In einem orangenen Jackett wedelt der Promotor seine Arme zu den Klängen der Swedish House Mafia. „Don’t you worry child, see heaven’s got a plan for you. “ Eine Dreiviertelstunde vor dem Anpfiff tönt der Bass über die Grünfläche neben dem Stadion. Die positive Aufbruchsstimmung, ein Zweckoptimismus ist spürbar, während blaue Isländer singend von der orangen Masse einverleibt werden.


Mit der Rolltreppe zu den Rängen, gefolgt von steilen Stiegen und Sprachlosigkeit. Einerseits ist es der Aufstieg zu den Plätzen, andererseits die Stimmung. Atemberaubend. Das Stadion, der Auswärtssektor, alles ist prall gefüllt. Gesänge. Gänsehaut. Das ist Fußball.

Holland hat den Ball, schließlich auch im eigenen Tor

 

Die Hymnen werden von einer Musikkapelle gespielt, ein paar Pfiffe, bevor der entscheidende folgt. Die Oranje im Ballbesitz, Island wartet ab. Ein Bild für 93 Minuten. Die erste Chance haben dennoch die Isländer. Nach sechs Minuten verpasst Bödvarsson eine Hereingabe nur knapp. Das Tor wäre leer gewesen.

 

Die Niederländer kombinieren. Ein gefährlicher Freistoß von Robben, eine Hereingabe von Depay. Es fehlt die Kreativität um die isländische Mauer zu durchbrechen, und das Tempo um ihrem Aufbau zuvor zu kommen.

 

So kommt es, wie es eigentlich nicht kommen musste. Robben, bis dahin der gewohnte Aktivposten mit der Ausstrahlung eines gewohnten Gewinners, wartet bis er selbst den Ball hat, um ihn dann über das Seitenaus zu befördern. Zwei Schritte über die Outlinie, vier Wochen Pause. Der Kapitän ist verletzt.

 

Luciano Narsingh soll ihn ersetzen und gemeinsam mit Depay die ehemalige Flügelzange von PSV im Nationalteam wieder vereinigen. Das vermutete nicht nur der Sitznachbar. Doch er wird überrascht. In der 41. Minute folgte der zweite Wechsel. Huntelaar geht, mit Burma kommt für ihn ein Innenverteidiger. Die Pfiffe sind laut. Die Partystimmung ist erloschen, denn das Stadion hat Rot gesehen. Zahlreiche Papppapierflieger segeln in Richtung des Feldes, während das Donnern der Flugzeuge über dem Stadion zu hören ist.

 

Der Grund für den Wechsel, den Zorn der Heimfans und der Häme des Auswärtssektors ist die rote Karte für Martins Indi. Jener Innenverteidiger, der in den ersten 30 Minuten genauso unglücklich agierte, wie seine Kollegen. Indi hat dem isländischen Ajax-Stürmer Kolbeinn Sigthórsson einen großen Gefallen getan. Nach einem ruppigen Zweikampf fliegen beide zu Boden. Indi stößt Sigthórsson den Ellbogen in den Rücken und schlägt ihm in den Nacken. Es folgt das gewohnte Bühnenbild des Fußballs. Ein sich windender Spieler am Boden, ein Ungläubiger stampft vom Feld, ein aufgebrachtes Publikum brüllt und Wesley Sneijder beschwert sich. Die rote Karte ist eindeutig und überflüssig.

Weißbrot, Panier und ein Schnitzer


Nicht genug des niederländischen Unglücks, begeht auch der neue Bondscoach zehn Minuten später einen taktischen Fehler. Er nimmt eben Huntelaar vom Feld, Depay rückt ins Zentrum. Nicht nur, dass er damit die holländische Grundregel des Risikofußballs missachtet. Der Wechsel ist auch völlig unnötig. Im Mittelfeld hatte Oranje stets Übergewicht, Sneijder oder der defensive Klaassen wären eindeutig die besseren Lösungen gewesen. Der Jammer auf den Rängen ist berechtigt, die Wirkung der roten Karte hat sich soeben verdoppelt.


In der Pause folgt die nötige Stärkung. Ein alkoholfreier Radler, das einzige bierähnliche Getränk dazu Croquette, ein panierte Wurst gefüllt mit Fleisch und Kartoffeln serviert in einem sehr weißen Brot. In der Warteschlange, zu knapp vor dem Essensmöglichkeit, zu spät um den Anpfiff vom Platz aus zu sehen, folgt der nächste Tiefschlag. Van der Wiel holt Birkir Bjarnason von den Füßen. Alles stürmt zum Eingang. Cillessen pariert fast den Elfmeter von Sigurdsson. Der Gesang der isländischen Fans hallt durch das Stadion: „Hey, Baby… Uh, Ah“. Bei der Gesangswahl wird ersichtlich: die Fans müssen erst lernen mit dem Erfolg umzugehen.

Klatsch! Wenige Minuten später schlägt der Ball gegen den niederländischen Pfosten. Das Publikum murrt, aber es feuert weiter das Team an . Hin und hergerissen zwischen dem Verständnis für die Mannschaft angesichts des Spielverlaufs und dem Ärger über die unispirierte Vorstellung.

 

Gegen Ende des Spiels häufen sich die Chancen. Sneijder mit seiner besten Aktion, Narsingh machte den Robben. Doch sie alle scheitern an Hannes Thór Halldórsson. Schließlich ein Pfiff, auf den viele weitere folgen. Das Spiel ist aus. Die Heimfans trotten zu ihren Fahrrädern, während scheinbar Halbisland auf der Tribüne hüpft. Dazu dröhnen die schrillen Klänge von „Viva Hollandia“. Dieses Lied zeigt: auch mit Niederlagen muss man erst lernen umzugehen. Das sollte die niederländische Nationalmannschaft jedoch nicht. Schließlich will man sich nach dem Spiel gegen die Türkei nicht nach der Idealposition auf der Couch suchen müssen.