Eine offene Rechnung

von Jonas Achorner

Der Schock sitzt tief nach den Ausschreitungen von Mönchengladbach. Als Kölner Fans den Platz stürmten und in weißen Maleranzügen, Pyrotechnikstäbe und Parolen den weit entfernten Gladbacher Fohlen-Block entgegenwarfen, waren Polizei und Ordnerdienst gefordert zu kalmieren. Der professionelle Fußball ist ohne diese Unterstützung nicht durchführbar. Über die unabdingbaren Kosten für diesen Einsatz wird jedoch diskutiert und gestritten, Rufe aus der Politik nach einer stärkeren Einbindung der Vereine und Verbände werden lauter und auch konkreter. Im Gegenzug streben die deutsche Bundesliga und der DFB nach eigenen Lösungen.

 

Die Reaktion fiel heftig aus, nahezu trotzig. Als im Juli 2014 der Bremer Stadtsenat die Entscheidung fällte, dass die Bundesliga künftig einen Teil der Kosten für den Polizeieinsatz bei Risikospielen, jenen Partien, wie Köln gegen Mönchengladbach, am Weser-Stadion übernehmen musste, drohte die DFL (Deutsche Fußball Liga GmbH) mit der Legislative und setzte durch, dass das in Bremen geplante Länderspiel zwischen Deutschland und Gibraltar schließlich am 14.11 in Nürnberg ausgetragen wurde. Ob ein Fußballspiel als ein Risikospiel gewertet wird, obliegt der Polizei. Sie entscheidet auch, wie viele Polizisten eingesetzt werden. In Bremen sind Risikopartien jene Spiele von Bremen gegen Hannover, Hamburg oder Hertha BSC. Im Falle einer Begegnung werden statt 200 Polizisten, 1200 Beamte eingesetzt, die Kosten steigen von 80.000 auf 300.000 Euro für den Personalaufwand. Insgesamt bezahlte das kleinste Bundesland in der Saison 2012/13 Steuergeld in der Höhe von 1,4 Millionen Euro. Da es sich bei Fußballspielen um gewinnorientierte Großveranstaltungen handelt, sei das alleinige Tragen der Kosten unbegründet.

 

Die DFL und auch der DFB (Deutsch Fußball-Bund) argumentieren stattdessen damit, dass der deutsche Ligafußball jährlich circa 850 Millionen Euro an Steuern bezahlt und somit das Recht auf staatliche, polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen dürfte. Auch obliegt die Wahrung der öffentlichen Sicherheit der Polizei, unabhängig von den Bundesliga Vereinen, die nicht für die Krawalle verantwortlich sind. Somit sehen sie die Zuständigkeit außerhalb der Stadien beim Staat, innerhalb bei den Bundesligavereinen, die insgesamt in einer Saison mehr als 15 Millionen Euro an diverse Sicherheitsfirmen bezahlen. Auch die 2. Liga würde einen hohen Betrag dafür entrichten. Bei einer Übernahme der Polizeikosten durch die Vereine würden zusätzliche Ausgaben von 30 Millionen Euro anfallen, die nicht gerechtfertigt sind. Außerdem würden der DFB und die DFL gemeinsam mit den jeweiligen Ländern Fanprojekte finanzieren, die Gewalt durch die Anhängerschaft vorbeugen soll.

 

Diese Ausgangslage ist Nährboden für einen gerichtlichen Konflikt der sich über Jahre hinziehen wird. Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, dass Änderungen rasch umgesetzt werden müssen. Schon 2012 nach dem Platzsturm im Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC hatte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bekundet, dass die aktuelle Situation teuer und unzureichend sei. Seither werden unterschiedliche Lösungswege debattiert. Niersbach bevorzugt dabei den englischen Weg, die Aufhebung von Stehplätzen und die Einführung von empfindlichen Strafen, wie Freiheitsentzug, gegenüber Übeltätern. Der englische Fußball früher bekannt für Ausschreitungen und Gewalt konnte dadurch gezähmt werden, wenn auch, wie Fan-Vertreter zu bedenken geben, zu Kosten von höheren Eintrittspreisen durch den Umbau und geringeren Konsum, sowie der Stimmung im Stadium.

 

Die Folge der Vorfälle in Mönchengladbach ist eine Debatte über Maßnahmen, die lange als unmöglich galten. So möchte der DFB überprüfen, ob in Zukunft keine Gästefans bei Auswärtspartien zugelassen werden. Diese drastischen Sanktionen sollen vom Veranstalter durchgesetzt werden. Die DFL sieht diese Schritte äußerst kritisch und spricht sich stattdessen für kleinere Gästesektoren aus. In die Diskussion fließt auch die diffizile Situation der Ordnerdienste ein. Eigentlich sollten jene Profiteure der aktuellen Sicherheitssituation in Bundesligastadien sein, jedoch stehen die Sicherheitsfirmen in der Kritik. So auch in Mönchengladbach.


Ordnerdienst: Eine Frage der Sicherheit oder des Geldes?

 

Dort zeigen Internetaufnahmen, wie Ordner einen Kölner-Hooligan festhalten, während ein Gladbacher zuschlägt. Gladbach hat diesbezüglich angekündigt hart dagegen vorzugehen, die Mitarbeiter würden eine jährliche Schulung erhalten. Dass dem nicht immer so ist, bewies eine Reportage des WDR, in der ein Journalist verdeckt bei der Sicherheitsfirma Securitas auf Schalke arbeitete. Er erhielt weder eine Schulung, noch seine vier mit ihm am Standort arbeiteten Kollegen. Die Firma wurde während des Spiels zwischen Schalke und Köln nicht kontrolliert von Seiten des DFB, der DFL oder des Vereins, obwohl sie an der sensiblen Stelle des Eingangs zum Gästesektor arbeiteten. Auch ein polizeiliches Führungszeugnis, welches obligat ist, wurde nicht verlangt. Nicht nur deshalb wird gefordert Ordner ausführlicher zu schulen und zu kontrollieren. Schließlich nehmen sie eine zentrale Rolle in der Sicherheitsgewährleistung ein.

 

Auch finanziell ist dies durchaus sinnhaft, schließlich bezahlen Bundesligisten pro Spieltag zwischen 100.000 und 120.000 Euro für Security-Personal. Wenngleich die Kontrolle des Ordnerdienstes zusätzlich kostspielig wäre, auch aufgrund ihrer hohen Zahl. SC Paderborn mit einem kleinen Stadion von 15.000 Zusehern setzt in einem Bundesligaspiel durchschnittlich 280 Ordner ein. Mönchengladbach setzt laut dem Kicker auf 480 Vereinsmitglieder als Ordnerpersonal und beschäftigt nur 25 externe Security-Mitarbeiter. Insgesamt werden in der Bundesliga 13.000 Ordner eingesetzt.

 

Eine weitere Maßnahme, welche in Frankfurt, am Sitz des DFB, diskutiert wird, sind personalisierte Tickets. Ähnlich wie in England sollen dabei Personaldaten gespeichert werden und somit Randalierer effizienter der Zutritt verweigert werden. Datenschutzrichtlinien bzw. -bedenken sind diesbezüglich eine große Hürde. Unabhängig davon empfehlen Sicherheitsexperten zusätzlich zu den personalisierten Karten ein biometrisches System. Diese Gesichtserkennung würde pro Stadion 100.000 Euro kosten, und die Umsetzung von Stadionverboten zur Gänze gewährleisten.

 

Unabhängig wie sich der DFB und die DFL, oder gar die Politik entscheidet, schlussendlich werden die Kosten die Stadionbesucher und Vereine übernehmen. Auch scheint es aus heutiger Sicht nicht unmöglich, dass zu gewissen Spielen weniger Fans zugelassen werden. Geradezu höhnisch erscheint dabei das Projekt des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem September 2014 bei gewissen Bundesligaspielen weniger oder gar keine Polizisten einzusetzen. Obwohl dieses Projekt als Erfolg gewertet wurde, scheint der Vertrauensvorschuss gegenüber den Fans wohl verspielt. Traurig ist, dass die Aktion weniger, wohl fatale Folgen für die Fankultur Deutschlands haben kann.

 

So sind es jene, die der Politik und auch Gesellschaft verdeutlichen, dass die Freiheit, sei es zu stehen oder anonym zu sein, diskutiert werden muss. Sicherlich ist ein Großteil der Bundesligaspiele gewaltfrei und atmosphärisch einzigartig. Jedoch liegt es in der Natur von Politik und Gesellschaft, sich bei der Urteilsbildung den Gefahren und Negativen als erstes zu bedienen. Darüber muss und kann diskutiert werden. Schlussendlich aber wird die deutsche Anhängerschaft zukünftig für die wenigen nicht nur durch höhere Kartenpreise, sondern auch durch ihre Freiheit büßen müssen.

 

Ob der Stadtsenat in Bremen mit seinem Schritt richtig handelt? Der deutsche Sportjurist Markus Schütz zweifelt im Spiegel, dass diese Regelung richtig adressiert und verfassungsrechtlich konform ist. Jedoch kann, gar muss der Weg zu einem Fußball ohne Ausschreitungen über die Anhängerschaft beschritten werden. Ob teurere Eintrittskarten, geringere Freiheit dies ändern, die Toleranz gegenüber Pyrotechnik und Ausschreitungen minimiert werden kann, ist zweifelhaft. Gelingt diese Veränderung der Fankultur jedoch nicht, wird sie durch Sicherheitsmaßnahmen von außen modifiziert werden.