Da wird einem kalt ums Herz

von Jonas Achorner

Der Charme ist ihr nicht abzusprechen: Eine Fußballweltmeisterschaft im Advent, ein Finale zum Heiligen Abend. Das Christkindl im Schatten des goldenen Pokales. Dennoch irgendwie ist es ein Eigentor. Zu Weihnachten, die Zeit der Gemeinsamkeit, der Familie, jene Zeit zu der man fleißig spendet, dass die Telefone nur so surren, eine Winterweltmeisterschaft in Katar? Die FIFA riskiert viel. Es könnte ja angesichts der Menschenrechtsverletzungen, angespornt von der christlichen, warmherzigen Stimmung, so mancher den Fernseher ausgeschaltet lassen. Doch Karl-Heinz Rummenigge und Freunde wissen es dennoch besser: Am Ende zählt, nein zahlt doch das Geld.


28 Tage, soll sie dauern, vier Tage weniger als gewöhnlich. Nicht das einzige ungewöhnliche Detail, welches Jérôme Valcke nach einer Pressekonferenz in Doha zu den Plänen der FIFA bezüglich der WM in Katar präsentierte. Statt wie gewöhnlich im Sommer findet die WM aller Voraussicht nach im November und Dezember statt. Das Wetter im Wüstenstaat wollte sich nicht dem FIFA-Entscheid fügen.


Das mediale Echo spricht von einer Farce. Unabhängig von den Umständen der Vergabe, sei es aus gesundheitlichen Gründen verständlich, ja sogar notwendig das sportliche Ereignis im Winter abzuhalten. Man denke doch an die Sportler, die sollen nicht unter der Wahl leiden, die nicht. Doch hallt es weiter, der Wintersport, der Regelbetrieb des Vereinsfußballs, der muss entschädigt werden. Überraschenderweise sieht dies auch die ECA, die europäische Klubvereinigung, allen voran ihr Vorsitzender Karl-Heinz Rummenigge ähnlich. Sie erwarten sich eine „faire Bereitschaft“ der FIFA zur Entschädigung der finanziellen Einbußen der Clubs.


Die FIFA, ganz ihren Idealen treu, lehnt eine fremde Beteiligung an ihren Entscheidungen, Gewinnen strikt ab. Valcke meinte dazu, dass es keine „finanzielle Kompensation“ geben werde. Er führt weiter fort, dass an die Vereine eine Abstellgebühr erhalten. Nach der WM 2014 erhielten die Clubs dafür 70 Millionen US-Dollar. Und überhaupt, man müsse sich für seine Entscheidungen bei niemanden entschuldigen.


Das fehlende Rechenschaftsgefühl offenbart nicht nur, dass sich die FIFA vom Fußball, von seiner eigentlichen Funktion als Verband, der Fußball repräsentiert und gemeinsame, gewollte Entscheidungen trifft, losgelöst, bewusst entfremdet hat. Es zeigt auch, dass es erst richtig wird, wenn es um das liebe Geld geht. Dann wird mokiert, gezweifelt. Am 19. und 20. März wird das FIFA-Exekutivkomitee entscheiden, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie dem Vorschlag zustimmen wird.


So warten nun Arbeiter in Katar, die zu Hungerlöhnen Stadien errichten auf eine „faire Bereitschaft zur Entschädigung“ durch die FIFA. Während die Weltöffentlichkeit nach Menschenrechten ruft, sich über Homophobie, die Rolle der Frau echauffieren, auf die Bestechungsvorwürfe aufmerksam machen.


Eines ist gewiss: wer trotzdem Glühwein schlürfend und Kekse essend die WM 2022 in Katar verfolgt, muss sich endgültig kein Gefühl von einer besonderen allgemeinen Weihnachtsstimmung vorgaukeln. Trotzdem viele werden dennoch zusehen. Wer will schon den Weihnachtsfrieden gefährden?