Augen zu und durch

von Jonas Achorner

Peking, Sotchi, und Brasilien – in den letzten Jahren standen sportliche Großereignisse und ihre Veranstaltungsorte immer wieder in öffentlicher Kritik. Während der Tuniere blieb es dennoch zumeist ruhig und gesittet. Beim Afrika-Cup in Äquatorialguinea war dies anders. Über wütende Proteste und umstrittene Schiedsrichterentscheidungen in einer Diktatur, die selbst der Sport kaum tolerieren kann.

Zwischen Kamerun und Gabun eingeklemmt befindet sich Äquatorialguinea im Westen von Afrikas Mitte. In seiner Historie wurde das Land von drei verschiedenen Kolonialherren beherrscht. Nach seiner Unabhängigkeit 1968 regiert mit Teodoro Obiang seit 1979 ein unnachgiebiger Diktator. Besonders vermögend wird das Land durch sein Erdöl und Gas, dadurch zählt es seit Jahren zu den reichsten Ländern Afrikas. Jedoch gilt dies nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung. Mit seiner Vetternwirtschaft erkauft sich Obiang die Gunst mancher und lässt diese mächtig werden. Treue und Untergebenheit sind bekanntlich häufig käuflich. So überstand Obiang mehrere kleinere Putschversuche und ließ durch seine Härte und die strikte Zensur keine Opposition entstehen. In dem laut Transparancy International hoch korrumpierten Küstenstaat sind Folter und Unterdrückung allgegenwärtig. Obiang ist mittlerweile der längst dienende“ Präsident der Welt.

 

Bereits 2012 veranstaltete Äquatorialguinea gemeinsam mit Gabun einen Afrika-Cup. Dass es 2015 wieder zum Zug kam ist untypisch und zufällig. Der eigentliche Veranstalter Marokko fürchtete die Ebola-Epidemie, das disqualifizierte Äquatorialguinea – es hatte Spieler ohne nötige Lizenz eingesetzt- vertrat und durfte mitwirken. Die Staatsmedien inszenierten Obiang als den Retter des Cups, der seinen Untertanen den Fußball schenkte und selbst dem gefährlichen Virus trotzte. Tatsächlich war die Gefahr einschätzbar, mit Guinea qualifiziert sich nur ein vom Virus betroffenes Land, auch gilt es als rückläufig. Dennoch ist Äquatorialguinea zwar mit den Vorkehrungen gegenüber Ebola vertraut, scheint aber aufgrund seiner Nähe zu dem Ebola-Gebiet, seinem Klima und der desaströsen Situation des Gesundheitswesens als besonders gefährdet. Die Wahl für Äquatorialguinea fiel wohl nur aus Alternativlosigkeit, aber auch deswegen weil der afrikanische Verbandspräsident Issa Hayatou als enger Vertrauter des Präsidenten gilt. Diese Einladung nahm Obiang dankend an. Schon mehrmals organisierte er, öffentlich-wirkungsvoll, politische Konferenzen und Sportevents. Seit Jahren fördert er Fußball, für Frauen und Männer.

 

Trotzdem ist es sehr verwunderlich, dass sich Äquatorialguinea bis ins Halbfinale kämpfen konnte, und dies noch dazu unter sehr umstrittenen Umständen. Im Viertelfinale gegen Tunesien lag der Gastgeber bis zur Nachspielzeit zurück. Nach einer sehr strittigen Schiedsrichterentscheidung wurde Äquatorialguinea ein Elfmeter zugesprochen und verwandelt. Die Nachspielzeit ließ der Schiedsrichter Rajindraparsad Seechurnim nicht fertig spielen, beim Elfmeter wurde der Torhüter von einem Laserpointer geblendet. Schließlich gewann das Gastgeberland in der Verlängerung. Die tunesischen Funktionäre und Spieler reklamierten heftig, aber vergeblich. Nicht nur aufgrund der Ausgangssituation scheint der Spielverlauf verdächtig. Als Sündenbock wurde der mauretanische Schiedsrichter, der schon in der Vergangenheit und Vorrunde zweifelhafte Entscheidungen traf, abgestempelt. Er muss ein halbes Jahr pausieren und wird in Zukunft keine internationalen Spiele mehr leiten.

 

Im Halbfinale folgte schließlich jedoch Schlimmeres. Bei der Begegnung mit Ghana kam es zu Ausschreitungen des heimischen Publikums gegenüber ghanaischen Spielern und Fans. Die Polizei musste schon in der Halbzeit die gegnerische Mannschaft schützen, zehn Minuten vor dem Ende der Partie wurde das Spiel eine halbe Stunde unterbrochen. Ein Hubschrauber kreiste mehrere Meter über der Tribüne, Steine und Flaschen flogen in Richtung Stadion und Helikopter. Am Ende konnte die Partie beendet werden, Ghana gewann 3:0 und verlor schlussendlich das Finale gegen die Elfenbeinküste. Offizieller Grund für die Proteste waren Schiedsrichterentscheidungen gegen die Heimelf, eine Unzufriedenheit mit der Regierung und den Lebensumständen wurde kategorisch ausgeschlossen.

 

Brot und Spiele

 

Dabei sollten auf der Bühne die Ärmsten des Landes platznehmen. Obiang selbst hatte 40.000 Karten für 70 Cent pro Stück erworben und sie, wie er selbst betonte, dem bedürftigsten Teil seines Volkes geschenkt. Die Stimmung im Stadion wurde bei jedem Spiel als aufgeheizt beschrieben, es ist nur eine Vermutung, jedoch wäre es nicht verwunderlich, wenn bei diesem Frust Fußball ausnahmsweise nicht der Auslöser ist.

 

Diese Proteste illustrieren, dass Sport oder Fußball als Mittel, um Verletzungen gegen Menschenrechte zu kaschieren, gelegentlich erschöpft sind. Auch wenn die Ausschreitungen natürlich nicht zu tolerieren sind, scheinen sie dennoch Indiz einer verzweifelten Bevölkerung, die Hilfe benötigt gegen Repressionen und Armut. Die erwünschte Inszenierung von Obiang als Herrscher eines geeinten Volkes misslang und zeigt, dass derartige Events auch genutzt werden (müssen), um mit der Aufmerksamkeit der weltweiten Öffentlichkeit auf Problematiken hinzuweisen.

 

Die westliche Presse berichtete wie scheinbar jedes Mal im Vorfeld kritisch über die Lebenssituation am guineischen Golf und entblößte dabei auch wieder europäische Scheinheiligkeit. Ein Beispiel ist der Hauptsponsor des Tuniers. Orange S.A. als Nachfolger der ehemaligen französischen Staatstelekommunikationsfirma ist immer noch zu 27% im Besitz des französischen Staates.

 

Schließlich meldete sich nach den Protesten auch die FIFA zu Wort. Joseph Blatter kritisierte dabei die westlichen Medien für ihre kritische Berichterstattung: „Gute News sind keine News, schlechte News sind News. Wir sprechen nur über das Schlechte. Fußball - was eine so gute Sache ist -, lasst ihn leben“. Rainhard Fendrich hätte es kaum besser formulieren können.