Zwei Fäuste für ein Alhamdulillah

von Michael Hammerl

 

 

Für die Dokumentation „Der geflohene Boxer“ begleitet das Brüderpaar Pirmin & Maik Styrnol einen Amateurboxer auf seinem Weg in den Profisport. Dabei bekommt es der Hauptprotagonist Yassine La Gamiri in jeder Runde mit einem anderen Gegner zu tun. Darunter: Islamisten, das Mittelmeer, die vielzitierte „Balkanroute“ und nicht zuletzt das deutsche Asylgesetz.

 

Nein, „Alhamdulillah“ waren nicht George Foremans letzte Worte, bevor ihm Muhammed Ali 1974 beim legendären „Rumble in the Jungle“ den K.-o.-Schlag versetzte. Zumindest ist dergleichen nicht überliefert. Es kommt aus dem Arabischen und heißt so viel wie „Halleluja“ oder einfach: Lobet den Herrn. Als praktizierender Muslim hat Yassine La Gamiri sicher keine Verständnisprobleme, wenn es um „Alhamdulillah“ geht. Ob er den Spencer(†)/Hill-Klamaukprügelstreifen „Vier Fäuste für ein Halleluja“ gesehen hat, ist unbekannt.

 

Der Unterschied zwischen dem Duo Spencer/Hill und La Gamiri ist offenkundig: Yassine hat tatsächlich zwei Fäuste, mit denen er einigen Schaden anrichten kann. Seine Gegner springen nicht absichtlich gegen die nächste Wand, wenn er Kinnhaken, Ohrschelle oder Dampfhammer auspackt. Dieser Vergleich hinkt selbst dann nicht, wenn man ihn fairerweise in die Relation von Spencers/Hills Lebens­-/Blütezeit setzt.

Yassine wollte sein Talent in seiner Heimat Marokko fördern. Und zwar auf legale Art und Weise, für sportliche Zwecke, für seine Entwicklung als Boxer. Damit war nicht jeder einverstanden, woraufhin Yassine einen schwerwiegenden Entschluss fasste.

 

Zwischen Casablanca und Karlsruhe liegen zirka 2500 Kilometer Luftlinie. Das höchste Gebäude von Casablanca ist das Minarett der Hassan-II.-Moschee (210 m). Das höchste Bauwerk im baden-württembergischen Karlsruhe ist das Rheinhafen-Dampfkraftwerk (233 m). Besser lassen sich die kulturellen Unterschiede zwischen diesen Städten wohl kaum verbildlichen.

Aus touristischer Sicht gibt es wenige Gründe, von Casablanca nach Karlsruhe zu reisen. Das hat Yassine im Sommer 2015 auch nicht vor. Er will fliehen. Mittelmeer, Schlepperboot, Balkanroute: Im Sommer von „Wir schaffen das!“ teilt Yassine das Schicksal vieler anderer Flüchtlinge. Er hat das Glück, zu überleben und rechtzeitig in Deutschland anzukommen, bevor die „Wir schaffen das!“-Zweifler Oberwasser bekommen und die Grenzen geschlossen werden.

 

Yassine schafft es bis nach Karlsruhe. Dort werden der Manager Rainer Gottwald und Box-Trainer  Jürgen Lutz auf ihn aufmerksam. Es folgt ein Sparring gegen den späteren WBA-Weltmeister Vincent Feigenbutz. Yassine schlägt sich tapfer. Einer Profikarriere in Deutschland stünde von diesem Zeitpunkt an nichts mehr im Wege, wäre da nicht das deutsche Asylrecht. Yassines Chancen auf einen positiven Asylbescheid sind – mit zwei Worten – schlicht schlecht. Die Tatsache, dass Yassine aus Marokko „geflohen“ ist, macht ihn nämlich noch lange nicht zum Flüchtling.

 

Der deutsche Bundesrat ist drauf und dran, Marokko als „sicheres Herkunftsland“ zu klassifizieren. Nur die Grünen/Bündnis 90 konnten noch nicht mit Sicherheit feststellen, ob Marokko sicher ist. Dabei besteht, abgesehen von „entlegenen Gebieten der Sahara“, nicht einmal eine Reisewarnung für den nordafrikanischen Staat. Städte wie Marrakesch oder Casablanca sind noch immer Touristenmagnete. Eben weil die Gefahr eines terroristischen Attentats gering ist.

Das hat Gründe. Marokko verfügt über ein strenges Anti-Terror-Gesetz. Verdächtige können ohne Haftbefehl vier Tage festgehalten werden. Banken sind dazu verpflichtet, auffällige Überweisungen zu melden. Das soll verhindern, dass Terrorzellen finanziell unterstützt werden. Ausschlaggebend für die rigiden Reglementierungen waren fünf Terroranschläge in Yassines Heimat Casablanca, im Jahr 2003.

Yassine hat im April bereits seinen ersten Profi-Kampf absolviert. Er siegte durch K.-o. in Runde 2. Ob Erfolge wie dieser etwas an seinem Schicksal ändern?

 

Sportjournalist Pirmin Styrnol und Komponist Maik Styrnol, die Gründer und Inhaber von ONchAIR Bros. (www.onchair-bros.de), wollen sich in ihrem ersten Kinofilm nicht auf den sportlichen Aspekt versteifen. „Der Film ist uns auch deshalb so wichtig, weil er nicht lediglich den Boxer, sondern auch den Menschen Yassine La Gamiri zeigt“, sagt Pirmin Styrnol, Chefredakteur von Momente des Sports.

Die Brüder begleiten einen jungen Mann, der weder Salafist, noch Antichrist und schon gar kein Terrorist ist. Er ist einer von vielen Einzelfällen. „Der geflohene Boxer“ kann auch als Zuspitzung auf eine der elementarsten Fragen der aktuellen Flüchtlingsdebatte verstanden werden: Wann ist jemand ein Flüchtling, wann ein sogenannter „Wirtschaftsflüchtling“?

 

Yassine fühlte sich nicht grundlos bedroht. Er ist immer wieder „von Extremisten“ in der Moschee angesprochen worden. Sie wollten den Boxer, der in seiner Heimat durchaus bekannt war, für ihre missionarischen Zwecke instrumentalisieren. Die Islamisten wurden immer aufdringlicher. Sie passten den Boxer vor seinem Haus ab, kritisierten ihn wegen seiner westlichen Kleidung. Jeder Anti-Terror-Novelle zum Trotz: Marokko hat zweifelsohne ein Problem mit Islamismus. Bis zu 2000 Marokkaner haben sich dem Islamischen Staat angeschlossen. Weitere 2000 sind laut Angaben der Regierung in Marokko für den IS tätig. Hauptsächlich, um junge Kämpfer zu rekrutieren.

„Wir wissen nicht, ob er wieder weg muss oder hier bleiben kann“, sagt Yassins Trainer Jürgen Lutz. Für ihn steht fest: „Wenn er sich mit der Zeit für einen Titelkampf qualifizieren kann, dann ist das Fakt genug, dass er hier bleiben darf.“ Ob die Einwanderungsbehörde das ähnlich sieht, bleibt abzuwarten.

 

Ein gewisser Mohammed Rabii war übrigens der einzige marokkanische Medaillengewinner bei den Olympischen Sommerspielen in Rio. Rabii holte Bronze im Boxen (Weltergewicht, bis 69 kg). Auch wenn sich Yassine La Gamiri im Suppermittelgewicht (bis 76,2 kg) um Glanz und Gloria prügelt, kann er durchaus mit Rabii verglichen werden. Beide Boxer stammen aus Casablanca. Der eine ist geflohen, der andere geblieben. Was das Weltergewicht Rabii dazu wohl zu sagen hat?

Den Gebrüdern Styrnol bleibt genügend Zeit, Fragen wie dieser nachzugehen. Die Dreharbeiten werden noch mindestens ein Jahr dauern. Bis dahin will das arbeitswütige Duo, das bereits mehrere Radiofeatures über den Boxsport produziert hat, Interessenten mit Teasern auf den neuesten Stand bringen.

 

Teaser Numero eins treibt bereits auf YouTube sein Unwesen:

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Kommentare: 6
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